1 Von der schon groß gewachsenen Menge der einschlägigen Literatur seien hier besonders die Monographien von J. BOSWELL, Christianity, Social Tolerance, and Homosexuality. Gay People in Western Europe from the Beginning of the Christian Era to the Fourteenth Century (Chicago – London 1980); R. SCROGGS, The New Testament and Homosexuality. Contextual Background for Contemporary Debate (Philadelphia 1983); B. BROOTEN, Love between Women. Early Christian Responses to Female Homoeroticism (Chicago – London 1996) und D.J. WOLD, Out of Order. Homosexuality in the Bible and the Ancient Near East (Grand Rapids 1998) sowie die von J.S. SIKER, Homosexuality in the Church. Both Sides of the Debate (Louisville 1994); C.-L. SEOW, Homosexuality and Christian Community (Louisville 1996) und R.L. BRAWLEY, Biblical Ethics and Homosexuality. Listening to the Scripture (Louisville 1996) herausgegebenen Sammelbände erwähnt; vgl. auch M. NISSINEN, Homoeroticism in the Biblical World. A Historical Perspective (Minneapolis 1998).

2 So z.B. T. HORNER, Jonatan Loved David. Homosexuality in Biblical Times (Philadelphia 1978) 26-39; D.M. GUNN, The Fate of King Saul (JSOTSS 14; Sheffield 1980) 93; S. TERRIEN, Till the Heart Sings. A Biblical Theology of Manhood and Womanhood (Philadelphia 1985) 169; in gewissem Sinne auch E.S. GERSTENBERGER, Das dritte Buch Mose: Leviticus (ATD 6; Göttingen 1993) 271.

3 So z.B. P.K. MCCARTER, I Samuel. A New Translation with Introduction, Notes and Commentary (AB 8; Garden City 1980) 342; F. STOLZ, Das erste und zweite Buch Samuel (ZBK; Zürich 1981); S.B. PARKER, "The Hebrew Bible and Homosexuality", QR 11 (1991) 4-19, bes. 10-11; W. DIETRICH, Die frühe Königszeit in Israel. 10. Jahrhundert v.Chr. (Biblische Enzyklopädie 3; Stuttgart 1993) 291-292.

4 S. SCHROER – T. STAUBLI, "Saul, David und Jonatan — eine Dreiecksgeschichte? Ein Beitrag zum Thema ‘Homosexualität im Ersten Testament’", BK 51 (1996) 15-22, bes. 15.

5 M. ZEHNDER, "Exegetische Beobachtungen zu den David-Jonatan-Geschichten", Bib 79 (1998) 153-179.

6 ZEHNDER, "Beobachtungen", 178.

7 Die Problematisierung des Begriffs verdankt sich vor allem dem Werk von M. FOUCAULT, Histoire de la sexualité, Vol. I: La Volonté de savoir (Paris 1976). Vgl. D.M. HALPERIN, One Hundred Years of Homosexuality and Other Essays on Greek Love (New York – London 1990). Auch ZEHNDER, "Beobachtungen", 167 (Anm. 39) zeigt, daß er sich dieser Schwierigkeiten bewußt ist, aber dies scheint wenig Konsequenzen für seinen Gebrauch des Begriffs Homosexualität zu haben.

8 Das Verb bh) kommt in 1 Sam 18,1; 20,17, das Nomen hbh) in 1 Sam 18,3; 20,17; 2 Sam 1,26 vor.

9 SCHROER – STAUBLI, "Saul, David und Jonatan", 18-19: neben bh) + #$pn (Hld 1,7; 3,1-4), (b#$ (Hld 2,7; 8,4) und M(n (Hld 1,16; 7,7) und q#$n (Hld 1,2 u.a.) auch das "Gehen aufs Feld" (1 Sam 20,11 vgl. Hld 7,12). ZEHNDER, "Beobachtungen", 178, erklärt diesen Sachverhalt umgekehrt so, daß "der (oder die) Verfasser des Hohenliedes diejenige Geschichte aus der religiösen Überlieferung Israels, die am ausführlichsten ein inniges Freundschaftsverhältnis beschreibt, an einigen Punkten als literarische Vorlagen verwendet hat (bzw. haben)". Angesichts der weiten Verbreitung der verblüffend ähnlichen Liebesmetaphorik im östlichen Mittelmeerraum in verschiedenen Epochen (s. M. NISSINEN, "Love Lyrics of Nabû and Tas$metu: An Assyrian Song of Songs?", Und Mose schrieb dieses Lied auf. Festschrift für O. Loretz. [Hrsg. M. DIETRICH – I. KOTTSIEPER] [AOAT 250; Münster 1998] 585-634) ist die Annahme eines innerbiblischen literarischen Abhängigkeitsverhältnisses nicht notwendig.

10 ZEHNDER, "Beobachtungen", 173-174; ähnlich schon J.A. THOMPSON, "The Significance of the Verb Love in the Jonathan-David Narratives in 1 Samuel", VT 24 (1974) 34-38; MCCARTER, I Samuel, 305, 342; DERS., II Samuel. A New Translation with Introduction, Notes and Commentary (AB 9; Garden City 1984) 77.

11 S. nach wie vor W.L. MORAN, "The Ancient Near Eastern Background of the Love of God in Deuteronomy", CBQ 25 (1963) 77-87 mit Hinweis auf den Bund zwischen David und Jonatan (82, Anm. 33). Zur Semantik des alttestamentlichen Liebesvokabulars s. grundlegend R. LAUHA, Psychophysischer Sprachgebrauch im Alten Testament. Eine Struktursemantische Analyse von bl, #$pn und xwr (AASF B Diss 35; Helsinki 1983) 170-191 und vgl. auch A. BRENNER, The Intercourse of Knowledge. On Gendering Desire and ‘Sexuality’ in the Hebrew Bible (Biblical Interpretation Series 26; Leiden 1997) 13-21.

12 Vgl. W.G. LAMBERT, "Devotion: The Languages of Religion and Love", Figurative Language in the Ancient Near East (Hrsg. M. MINDLIN – M. GELLER – J.E. WANSBROUGH) (London 1987) 25-39; NISSINEN, "Love Lyrics", 599-600.

13 ZEHNDER, "Beobachtungen", 168-174; zur Intention der David-Saul-Erzählungen auch DIETRICH, Die frühe Königszeit, 213-220.

14 S.T. VEIJOLA, Die ewige Dynastie. David und die Entstehung seiner Dynastie nach der deuteronomistischen Darstellung (AASF B 193; Helsinki 1975) 82-84.

15 Oder: die Gazelle (II ybc); s. H.-P. MÜLLER, "Gilgameschs Trauergesang um Enkidu und die Gattung der Totenklage", ZA 68 (1978) 233-250, 239. Stimmt diese Übersetzung, so gilt das Wort als ein weiteres gemeinsames Element der David-Jonatan-Szenen mit dem Hohenlied (Hld 2,9.17; 8,14; vgl. hybc Hld 2,7; 3,5; 4,5; 7,4).

16 S. SCHROER – STAUBLI, "Saul, David und Jonatan", 17-18; DIETRICH, Die frühe Königszeit, 49-52, 62-67.

17 Zu dieser Übersetzung s. H.J. STOEBE, Das erste Buch Samuelis (KAT VIII 1; Gütersloh 1973) 378-379.

18 DIETRICH, Die frühe Königszeit, 52.

19 MCCARTER, I Samuel, 343, meint zwar, daß diese Beleidigung nur an Jonatan und nicht an seine Mutter gerichtet ist und daß der Hinweis auf die Genitalien seiner Mutter ihn als ein von Anfang an mißratenes Kind hinstellt: "Jonathan, says Saul, has disgraced his mother’s genitals, whence he came forth".

20 H. SEEBASS, "#$w$b@", TWAT I, 568-580; bes. 572, meint, David hätte als König mit dem königlichen Harem auch die Mutter Jonatans als sein Weib übernehmen können.

21 ZEHNDER, "Beobachtungen", 174: "Wie sollte es möglich sein, daß ausgerechnet JHWH zum Zeugen und Garanten eines Bundes gemacht wird, wenn dieser Bund mit einer Art von sexueller Beziehung verbunden wäre, für deren Bejahung jedes positive Zeugnis innerhalb der JHWH-Religion fehlt, für deren Ablehnung aber — wenn auch in der Datierung umstrittene — Zeugnisse vorliegen?".

22 SCHROER – STAUBLI, "Saul, David und Jonatan", 16-17.

23 Diese schon fast als communis opinio geltende Auffassung hat neulich WOLD, Out of Order, 77-89, widerlegt mit dem Argument, das Verb (dy werde in Gen 19,5, gegen etwa BOSWELL, Christianity, Social Tolerance, and Homosexuality, 94, in einem eindeutig sexuellen Sinne benutzt, was wiederum bedeute, daß die Spitze der Erzählung nicht gegen die Ungastlichkeit, sondern gegen Homosexualität gerichtet sei. Das Wesentliche dabei ist allerdings nicht die sexuelle Bedeutung des Verbs (dy, die wohl keinem Zweifel unterliegt (s. z.B. NISSINEN, Homoeroticism, 46), sondern die Motivation und der Zweck der Tat, die mit diesem Verb ausgedrückt wird und die doch unbestreitbar als haarsträubendes Beispiel der Unfreundlichkeit gegenüber den Fremden vorgestellt wird. So ist es auch in der innerbiblischen Interpretation der Erzählung verstanden worden (Ez 16,49; Weish 19,13-15; Lk 10,12; Mt 10,15). Das eigentliche Problem ist somit nicht die Bedeutung des hebräischen Verbs, sondern der "heterosexistische" Gebrauch des Wortes Homosexualität als Oberbegriff für alle mögliche Gleichge-schlechtlichkeit (s. P.B. JUNG – R.F. SMITH, Heterosexism: An Ethical Challenge. [Albany 1993] 65-71).

24 WOLD, Out of Order, 117-120.

25 E. GERSTENBERGER, Das dritte Buch Mose, 232,271; vgl. DERS., "Homosexualität im Alten Testament — Geschichte und Bewertungen", Schwule, Lesben¼ — Kirche: Homosexualität und kirchliches Handeln (EKHN-Dokumentation 2; Frankfurt a.M. 1996) 137.

26 BOSWELL, Christianity, Social Tolerance, and Homosexuality, 100-101.

27 H. EILBERG-SCHWARZ, The Savage in Judaism. An Anthropology of Israelite Religion and Ancient Judaism (Bloomington 1990) 183.

28 S. OLYAN, "‘And with a Male You Shall Not Lie the Lying Down of a Woman’: On the Meaning and Significance of Leviticus 18:22 and 20:13", Journal of the History of Sexuality 5 (1994) 179-206, bes. 203.

29 M. DOUGLAS, Purity and Danger. An Analysis of the Concepts of Pollution and Taboo (London 1966) 41-57.

30 Vgl. NISSINEN, Homoeroticism, 43-44.

31 Zu dieser Terminologie s. BRENNER, The Intercourse of Knowledge, 24-26.

32 S. dazu OLYAN, "And with a Male", 183-186.

33 S. auch GERSTENBERGER, "Homosexualität", 139-140.

34 Zu hb(wt in diesem Sinne s. OLYAN, "And with a Male", 180, 199.

35 Vgl. ZEHNDER, "Beobachtungen", 169-172 und I. WILLI-PLEIN, "Michal und die Anfänge des Königtums in Israel", Congress Volume Cambridge 1995 (Hrsg. J.A. EMERTON) (VTS 66; Leiden 1997) 401-419, bes. 402.

36 Es stimmt zwar, daß als Subjekt der Liebesausdrücke (bh), Cpx, r#$q ni., rxb) immer Jonatan erscheint (1 Sam 18,1.3; 19,1; 20,17.30; auch 2 Sam 1,26); vgl. DIETRICH, Die frühe Königszeit, 292. Jedoch weint David bei ihrem Abschied noch bitterer als Jonatan (1 Sam 20,41), die Liebe von Jonatan ist für David wunderbarer als Frauenliebe (2 Sam 1,26), und ihre Freundschaft schwören die beiden einander im Namen Gottes (1 Sam 20,42: hwhy M#$b wnxn) wnyn#$ wn(b#$n). All dies weist wohl darauf hin, daß das Liebesverhältnis als ein gegenseitiges dargestellt wird.

37 Zur Rolle der Frauen in den David-Erzählungen s. I. WILLI-PLEIN, "Michal" und besonders DERS., "Frauen um David: Beobachtungen zur Davidshausgeschichte", Meilenstein. Festgabe für Herbert Donner (Hrsg. S. TIMM – M. WEIPPERT) (ÄAT 30; Wiesbaden 1995) 349-361.

38 S. D.J.A. CLINES, "David the Man: The Construction of Masculinity in the Hebrew Bible", Interested Parties. The Ideology of Writers and Readers of the Hebrew Bible (Hrsg. DERS.) (JSOTSS 205; Sheffield 1995) 212-243. Laut WILLI-PLEIN, "Michal", 402-403 ist die Jonatangeschichte im Ganzen eine Konkurrenzerzählung zur Rettung Davids durch Michal, die Tochter Sauls: "Ist die letztere durch die aus späterer Sicht theologisch empörende Kritik Michals am Ladetanz belastet, so ist die Beziehung zu Jonatan für den antiken Leser gewissermaßen makelloser Nachweis des gottgefälligen Übergangs des israelitischen Königtums von Saul auf David [¼]" .

39 CLINES, "David the Man", 225: "The ideology of such male friendship contains these elements: loyalty to one another, a dyadic relationship with an exclusive tendency, a commitment to a common cause, and a valuing of the friendship above all other relationships. In such a friendship there is not necessarily a strong emotional element; the bond may be more instrumental and functional than affective. Perhaps that is the nature of the bond between David and Jonathan, and that is one of the ways in which they subscribe to, and promote, the Hebrew ideology of masculinity".

40 J.C. EXUM, Tragedy and Biblical Narrative. Arrows of the Almighty (Cambridge 1992) 73; CLINES, "David the Man", 223-225; vgl. auch NISSINEN, Homoeroticism, 53-56. Die kulturgeschichtliche Ableitung von ägyptischen bzw. philistäischen Vorbildern bei SCHROER — STAUBLI, "Saul, David und Jonatan", 20-22 ist interessant, aber recht spekulativ und allzu historisierend. Es ist ihnen immerhin als Verdienst anzurechnen, daß sie zu dem bisher sehr knappen ägyptischen Quellenmaterial zur Gleichge-schlechtlichkeit zwei ikonographische Zeugen hinzugefügt haben.

41 Zum Vergleich von diesen Verhältnissen, s. HALPERIN, One Hundred Years, 75-87.

42 2 Sam 1,18-27; Gilg. viii 41-5; x 234-238 (S. PARPOLA [Hrsg.] The Standard Babylonian Epic of Gilgamesh [State Archives of Assyria Cuneiform Texts 1; Helsinki 1997] 99-100; 105-106; vgl. auch MÜLLER, "Trauergesang"; Homer, Ilias 24 (H. VAN THIEL [Hrsg.] Homeri Ilias [Bibliotheca Weidmanniana 2; Hildesheim 1996] 467ff.).

43 Dazu etwa NISSINEN, Homoeroticism, 57-69.

44 S. dazu G.F. HELD, "Parallels between The Gilgamesh Epic and Plato’s Symposium", JNES 42 (1983) 133-141; S. PARPOLA, "The Assyrian Tree of Life: Tracing the Origins of Jewish Monotheism and Greek Philosophy", JNES 52 (1993) 161-208, bes. 192-195; DERS., "The Esoteric Meaning of the Name Gilgamesh", Intellectual Life of the Ancient Near East (Hrsg. J. PROSECKY) (CRRAI 43; Prag 1998) 315-329.

45 Es wird oft darauf hingewiesen, daß David keine Schwierigkeit zu haben scheint, mit Frauen umzugehen; von den Frauen Jonatans hören wir indessen nichts. Es wird später (2 Sam 4,4; 9; 1 Chr 8,34; 9,40) von seinem Sohn namens Meribaal/Mefiboschet erzählt, der aber in der älteren Fassung der Geschichte eigentlich wohl der Sohn Sauls gewesen war; s. T. VEIJOLA, "David und Meribaal", RB 85 (1978), 338-361 (= DERS., David: Gesammelte Studien zu den Davidüberlieferungen des Alten Testaments [Schriften der Finnischen Exegetischen Gesellschaft 52; Helsinki 1990] 58-83).

46 Die Unbrauchbarkeit des Begriffs Homosexualität in diesem Sinne hat u.a. PARKER, "The Hebrew Bible and Homosexuality", 11, richtig gesehen: "That is not to say that such relationships [wie die von David und Jonatan] could not have been homosexual. It is simply to say that the language and literature to which we have access do not disclose homosexual relationships".

47 Zur Terminologie s. NISSINEN, Homoeroticism, 16-17; zur ‘Homosoziabilität’ auch D. MORGAN, Discovering Men (Critical Studies on Men and Masculinities 3; London 1992) 67. GERSTENBERGER, "Homosexualität", 151-152, schreibt allerdings ausgerechnet die männliche Homosexualität den Männergemeinschaften von dieser Art zu.

48 BROOTEN, Love between Women, 242; A. RICHLIN, "Not before Homosexuality: The Materiality of the Cinaedus and the Roman Law against Love between Men", Journal for the History of Sexuality 3 (1992) 523-573.

49 Dies ist sowohl von SCHROER – STAUBLI, "Saul, David und Jonatan", 15 als auch von ZEHNDER, "Beobachtungen", 178-179 wahrgenommen worden.

50 Weitere hermeneutische Überlegungen z.B. bei PARKER, "The Hebrew Bible and Homosexuality"; GERSTENBERGER, "Homosexualität"; NISSINEN, Homoeroticism, 123-134.