VICTOR. U.

Biblica 79 (1998) 499-514

 

Was ein Texthistoriker zur Entstehung der Evangelien sagen kann *

 

Ein Philologe muß es nicht rechtfertigen, wenn er seine Aufmerksamkeit den einflußreichsten Texten zuwendet, die je in griechischer Sprache geschrieben wurden. Es wäre aber geistesgeschichtlich höchst interessant zu erklären, warum er im Jahre 1998 eine rara avis im Luftraum der Theologen ist. Doch dies ist nicht die heutige Aufgabe.

        Literarhistorische Urteile sind in hohem Maße dadurch gekennzeichnet, daß man ihnen nicht zustimmen muß, wenn man nicht will. Die Geschichte der neutestamentlichen Wissenschaft belegt das zur Genüge, und an Meinungen, die sich eine längere Zeit hindurch einer größeren Zustimmung erfreuen konnten, wird verständlicherweise umso hartnäckiger festgehalten, je weniger es davon gibt. Vergleichsweise harte Tatsachen im Rahmen der historischen Wissenschaften werden von der Überlieferungsgeschichte des Textes ermittelt, auf die sich die vorliegende Arbeit bewußt beschränkt.

 

I.

        Wie hat man sich die Herausgabe eines Textes in der Zeit vor der Erfindung des Buchdrucks vorzustellen? Wer in der Antike einen Text verfaßte, mußte ihn abschreiben lassen. Die "Auflage" war gewöhnlich sehr klein, und da kein Kopist fehlerfrei arbeitete, war jedes einzelne Exemplar einer solchen Auflage vom anderen unterschieden. Wenn die "Auflage" vergriffen war, wurden wieder Abschriften angefertigt, auf denen nicht vermerkt war, daß es sich um eine weitere Serie handelte. Es war nicht einmal gesichert, daß alle neuen Abschriften jeweils von einem und demselben neuen Exemplar hergestellt wurden. Ein Kopist, der zwei oder mehr Exemplare eines Textes mit unterschiedlichem Textbestand in die Hand bekam, konnte nicht wissen, welches der Exemplare die "Ausgabe letzter Hand" war. Ebenso wenig konnte er im Einzelfall wissen, ob eine Textvariante eine beabsichtigte Änderung des Autors

 

_______________________
500

oder ein Fehler eines seiner Mitkopisten war, und zwar konnte er dies noch weniger wissen als der heutige Philologe, der sich auf eine mehrhundertjährige wissenschaftliche Tradition und viele Hilfsmittel stützt. Wenn also verschiedene Auflagen, Ausgaben, Fassungen, Editionen, Redaktionen 1 eines Textes erst einmal an die Öffentlichkeit gelangt waren, war es nahezu unmöglich, die jeweils frühere(n) Auflage(n) aus der zukünftigen Überlieferung des Textes auszuscheiden, wie es im Zeitalter des Buchdrucks geschieht.Verschiedene Auflagen eines Textes wären also mehr oder weniger gleichwertig nebeneinander in Gebrauch gewesen 2, wenn auch vielleicht in der Regel nicht an denselben Orten.

        Wenn es in einer handschriftlichen Überlieferung unterschiedliche Auflagen des zu überliefernden Textes gab, war es also unvermeidlich, daß sie von den Kopisten kontaminiert wurden. Ein schlagendes Beispiel der Unvermeidlichkeit solcher Kontamination ist die Überlieferung der Apostelgeschichte. Die Varianten des "westlichen" Textes sind keineswegs auf die Handschriften beschränkt, die nach allgemeiner Meinung der "westlichen" Gruppe der Handschriften zugeordnet werden, sondern finden sich in mehr oder weniger großer Häufigkeit auch in anderen Zweigen der Überlieferung. Anders gesagt: Wenn es unterschiedliche Auflagen eines Textes in einer handschriftlichen Überlieferung gibt, werden die Unterschiede dieser Auflagen, zumal in einem so häufig kopierten Text wie dem NT, nach kurzer Zeit nur mehr als unterschiedliche Lesarten bemerkbar sein, die in mehr oder weniger starkem Maße über die gesamte Überlieferung verteilt sind. Wenn nun eine solche Auflage in dieser Weise als Individuum verschwunden war, war ihr Bestand an Lesarten in viel höherem Maße gesichert als vorher, da die Beseitigung jeder einzelnen Lesart einer solchen Fassung oder Edition eine Entscheidung von einem oder mehreren Kopisten gegen eben diese Lesart verlangt hätte 3, und zwar nicht nur in einer, sondern, im Falle eines so häufig kopierten Textes wie des NT, in zahlreichen Handschriften. Lassen sich demgemäß in der Überlieferung der Evangelien verschiedene

 

_______________________
501

Auflagen mit unterschiedlichem Textbestand anhand der handschriftlichen Varianten nachweisen?

        Es gibt im NT nur sehr wenige Fälle einer völlig auseinandergehenden handschriftlichen Überlieferung. Die gewichtigsten sind (1) die verschiedenen Markus-Schlüsse, (2) die Adultera-Perikope und (3) die beiden verschiedenen Fassungen von Acta 4. Sie sind die auffallenden Ausnahmen.

        Von sehr wenigen unbedeutenden weiteren Fällen abgesehen, in denen in sehr behutsamer Weise versucht wird, den Text zu verdeutlichen oder vermeintlich zu berichtigen, sind die Evangelien insgesamt in bewundernswerter Einheitlichkeit überliefert. Die Varianten sämtlicher frühen Papyri und Handschriften sind immer nur die üblichen Kopistenfehler, die keinerlei Schlüsse auf das Vorhandensein wie auch immer gearteter unterschiedlicher Auflagen des Textes erlauben. Der Vergleich mit der in zwei Fassungen überlieferten Apostelgeschichte macht die Einheitlichkeit der Überlieferung der Evangelien besonders anschaulich.

        Im folgenden sind exemplarisch sämtliche gewichtigen Sonderlesarten einer der zugleich umfangreichsten und frühesten Handschriften einer der neutestamentlichen Schriften zusammengestellt.

 

_______________________
502

Was hier im einzelnen vorgeführt wird, gilt für die gesamte Überlieferung der Evangelien.

        Der P66, um 200, möglicherweise schon 150 entstanden, umfaßt u.a. folgende Teile des Johannesevangeliums: 1,1–6,11; 6,35–14,26; 14,29-30;15,3-26; 16,2-4.6-7; 16,10–20,20.22-23; 20,25–21,9. Weitere Fragmente sind für den Zweck dieser Untersuchnug ohne Interesse 5.

 

2,13 kai e0ggu\?] kai\ e)ggu\j de\ ante corr.

3,33 e0sfra&gisen] ou[toj e0sfra&gisen post corr.

5,6 h1dh xro/non e1xei] h1dh e11xei xro/non post corr.

e1xei xro/non ante corr.

5,28 e0n toi=j mnhmei/oij] e0n tw|~ e0rh&mw|~ ante corr. vid.

5,36 au0ta_ ta_ e1rga] tau=ta ta_ e1rga

5,43 e0gw_ e0lh&luqa] e0gw_ de\ e0lh&luqa

6,40 om. tou=to ga&r e0sti to_ qe/lhma

6,52 ou[toj h(mi=n dou=nai th_n sa&rka] ou[toj dou=nai th_n sa&rka post corr.

6,61 ei]pen au0toi=j] ei]pen au0toi=j 0Ihsou=j

6,64 ou0 pisteu/ousin] mh_ pisteu/sousin

6,70 au0toi=j o9 0Ihsou=j] au0toi=j 0Ihsou=j

7,8   ou1pw] ou0de/pw

7,27 o9 de\ xristo/j] o9 xristo_j de/

7,30 ou1pw] ou)de/pw

7,40 e0k tou= o1xlou ou]n] polloi_ e0k tou= o1xlou oi9 ante corr.

8,25 e1legon ou]n] kai\ e1legon

8,28 ou0de/n] ou0de\ e3n

8,36 e1sesqe] e0ste/

8,40 lela&lhka] lela&lhken post corr.

8,42 e0gw_ ga_r e0k tou= qeou= e0lh&luqa] e0k ga_r tou= qeou= e0celh&luqa a)pe/steilen] a)pe/stalken

8,46 om. moi ante corr.

9,28 om. tou=

9,30 o( a!nqrwpoj kai_ ei]pen au0toi=j] kai_ ei]pen o( a!nqrwpoj ante corr.

9,36 a)pekri/qh e0kei=noj kai\ ei]pen: kai\ ti/j e0stin, ku/rie] a)pekri/qh e0kei~noj kai_ 9ti/j e0stin 0, e1fh, 9ku/rie... 0

10,32 e0me\] me

10,33 qeo/n] to_n qeo/n ante corr.

10,34 a)pekri/qh au0toi=j o9 0Ihsou=j] 0Ihsou=j kai_ ei]pen au0toi=j

11,2   o9 a)))delfo_j La&zaroj h)sqe/nei] kai\ a)delfo/j h}n La&zaroj a)sqenw~n vid.

_______________________
503

11,3 a)pe/steilan ou]n ai9 a)delfai_ pro_j au0to_n le/gousai] a)pe/steilen ou]n Maria_ pro_j au0to_n le/gousa ante corr. ut videtur

11,4 om. tou= qeou=

11,5 om. au0th~j ante corr.

11,7 toi=j maqhtai=j] au0toi=j

11,27 pepi/steuka] pisteu/w

11,31 taxe/wj a)ne/sth] a)ne/sth taxe/wj

11,39 om. ku/rie

12,1 e3c] pe/nte ante corr.

12,37 tosau=ta] tau=ta ante corr.

13,1 h}lqen] h#kei tou= ko/smou tou/tou] tou/tou tou= ko/smou

13,7 a!rti] ar (!) ante corr.

13 20 lamba&nei to_n pe/myanta] lamba&nei kai\ t. p.

13,24 le/gei] ei]pen post corr.

13,35 e0moi\ maqhtai/ e0ste] e0mou= e0ste maqhtai/

14,2  ei]pon a!n] a@n ei]pon ante corr.

14,12 om. tou/twn ante corr.

14 23 e0leuso/meqa] ei0seleuso/meqa

15,3  u(mi=n] e0n u(mi=n ante corr.

15 6  ba&llousin] ba&llousin au0ta&

15,8  karpo_n polu/n] k. plei/ona

15,15 ei1rhka] le/gw vid.

15,18 memi/shken] e0mi/sei

15,24 ou0dei/j] mhdei/j

18,37 a)pekri/qh] a)pekri/qh kai\ ei]pen vid.

18,38 le/gei] le/gei ou]n

om. o9 Pila~toj

20,30 om. tw~| ante corr.

21,6 in einem Einschub aus Lk 5, 5 r(h&mati] o)no/mati

        Mit nur wenigen Ausnahmen lassen sich diese Sonderlesarten des P66 erklären als

a. Versehen,

b. Hör-, Gedächtnisfehler,

c. bewußte oder unbewußte Verdeutlichungen,

d. bewußte oder unbewußte tatsächliche oder vermeintliche stilistische Verbesserungen.

        Es handelt sich also um die Fehler, die in der gesamten handschriftlichen Überlieferung der antiken Autoren zu beobachten sind.

        Die Ausnahmen sind die Veränderungen der Tempora von Verben 8,42; 11,27; 13,1; 13,24; 15,15; 15,18. Es handelt sich auch dabei jedoch um Eingriffe in den Text, die ebenso oder noch stärker in

 

_______________________
504

der Überlieferung anderer antiker Autoren, z.B. Lukians, zu beobachten und als stilistische Verbesserungsversuche zu werten sind. Möglicherweise ist auch die eine oder andere Änderung der Wortstellung einem in dieser Weise tätigen Korrektor zuzuweisen. Interessant sind diese Textänderungen, weil sie die Grenzen dessen zeigen, was an Eingriffen vorgenommen wurde. Die einzige Lesart, bei der sich der Verdacht erheben könnte, hier sei stärker in den Text eingegriffen worden, ist 11,3, wo der Papyrus die Initiative von den beiden Schwestern auf die eine von beiden, auf Maria, zu übertragen scheint. Auf den ersten Blick könnte es sich um eine theologisch begründete Veränderung handeln. Der zweite Blick zeigt, daß es sich um eine Lesart des Papyrus ante correctionem handelt, so daß ein Schreiberversehen eher anzunehmen und aus der Umgebung auch leicht zu erklären ist.

        Es ist festzuhalten, daß in einem Evangelium, das in der Forschung in besonderem Maße als das Ergebnis einer längeren Editionsgeschichte betrachtet wurde und wird, die zweitälteste Handschrift und eine der ältesten des NT keinerlei Spuren einer solchen Editionsgeschichte erkennen läßt. Diese Feststellung läßt sich ebenso für die anderen Evangelien und die anderen frühen Handschriften treffen, und sie gilt für die Überlieferung des Neuen Testamentes insgesamt. Ich konnte keine einzige Lesart ermitteln, bei der sich der Verdacht hinreichend begründen ließe, es handele sich um eine Spur einer früheren unterschiedlichen Auflage eines der heute existierenden Evangelien 6.

 

II.

        Es war bisher von der Editionsgeschichte die Rede, bei der es kaum Zweifel geben kann, was gemeint ist. Im Gegensatz dazu sind die Termini Formgeschichte und Redaktionsgeschichte sehr schwer faßbar. Wenn man Formgeschichte als Formgeschichte des synoptischen Traditionsstoffes und Redaktionsgeschichte als Formgeschichte der Evangelien auffaßt, wird man als ihre Gemeinsamkeit feststellen können, daß sie den größten Teil des Stoffes der Evangelien als ursprünglich isolierte, in vielen Fällen

 

_______________________
505

nicht einmal an die Person des Jesus von Nazareth gebundene Einzelstücke ansehen, die in mündlicher und/oder schriftlicher Form umgelaufen und dann durch die "Gemeinde" gestaltet, also nicht nur tradiert worden seien, bis sie ihre in den Evangelien erhaltene Form gefunden hätten 7. Läßt sich eine solche Vorstellung aus den Gegebenheiten der Überlieferungsgeschichte begründen?

        Wenn man unterstellt, daß es richtig ist, daß ungezählte Einzelstücke der synoptischen Evangelien ihre "Form" zum überwiegenden Teil auf Grund einer "Gemeindetheologie" in den Gemeinden bekamen, können diese Einzelstücke nicht in jeweils nur einer Fassung existiert haben. Es stellt sich dann die Frage, wo die Spuren anderer als der in den synoptischen Evangelien überlieferten Fassungen solcher Einzelstücke zu finden sind. Diese Frage stellt sich in besonderem Maße dann, wenn ein bestimmtes Einzelstück, z.B. ein Weisheitsspruch, ursprünglich nicht mit der Person Jesu verbunden gewesen sein sollte, sondern erst in der Überlieferung mit ihm in Verbindung gebracht worden wäre. Es müßte in solchen Fällen nicht nur vielfältige, von verschiedenen christlichen Gemeinden jeweils unterschiedlich geprägte Fassungen eines solchen Einzelstückes gegeben haben, sondern auch jüdische oder hellenistische Fassungen, deren Spuren man erwarten dürfte.

        Wie müßten die Spuren solcher Einzelstücke beschaffen sein? Wie müßten, anders gefragt, solche Einzelstücke in unterschiedlichen Verwendungen und Zusammenhängen ihre Gestalt bewahrt bzw. verändert haben? Wenn man das Reich der Spekulation meiden will, sollte man dort suchen, wo es dergleichen gibt.

        Es folgen Beispiele von Einzelstücken aus evangelischer wie nicht-evangelischer Tradition, die in verschiedenen Fassungen vorliegen, so daß sich feststellen läßt, wie sie sich sowohl vereinzelt als auch in unterschiedlichen Zusammenhängen verändert haben:

 

_______________________
506

 

1.

Clemens Rom., II, 12, 2

Der Herr nämlich, befragt, wann sein Reich kommen werde, sagte: Wenn die Zwei Eins sein werden und das Außen wie das Innen und das Männliche zusammen mit dem Weiblichen weder männlich noch weiblich.

Clemens Alex., Strom. III, 13 (§92)

Als Salome sich erkundigte, wann sich erkennen lasse, wonach sie gefragt habe, antwortete der Herr: Wenn ihr das Gewand der Schmach zertreten habt und wenn die Zwei Eins geworden sind und das Männliche zusammen mit dem Weiblichen weder männlich noch weiblich.


2.

Clemens Rom., II, 5, 2-4

Der Herr spricht: Ihr werdet sein wie Schafe inmitten von Wölfen. Petrus antwortete ihm und sprach: Wenn nun die Wölfe die Schafe zerreißen? Jesus antwortete dem Petrus: Die Schafe brauchen nach ihrem Tode nicht länger in Angst vor den Wölfen zu sein; lebt auch ihr nicht in Furcht vor denjenigen, die euch zu töten versuchen und euch nichts antun können, sondern lebt in Furcht vor dem, der nach eurem Tode Macht hat über Seele und Körper, um euch in die Hölle des Feuers zu werfen.

Mt 10, 16

Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter Wölfe.
(= Lk 10, 3)


Mt 10, 28
Lebt dabei nicht in Furcht vor denen, die wohl den Leib töten, aber die Seele nicht zu töten vermögen; lebt vielmehr in Furcht vor dem, der die Macht hat, sowohl die Seele als auch den Leib in der Hölle zu verderben. (= Lk 12, 4-5)

 

3.

Nazaräerevang. (Orig. In Mt. tom. XV 14, S. 389-390. Klostermann)
Es sprach zu ihm der andere der beiden reichen Männer: "Meister, was muß ich Gutes tun, damit ich lebe?" Er sprach zu ihm: "Mensch, tu was im Gesetz steht und in den Propheten".

 

 

 


Er antwortete ihm: "Das habe ich getan." Er sprach zu ihm: "So gehe hin, verkaufe alles, was du besitzest, und verteile es an die Armen und komm und folge mir nach!"

 

 

 

 

Da begann jedoch der Reiche, sich am Kopf zu kratzen, und es gefiel ihm gar nicht. Und der Herr sprach zu ihm: "Wie kannst du sagen: ich habe getan, was im Gesetze steht und in den Propheten? – wo doch im Gesetz geschrieben steht: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst! Und siehe! Viele deiner Brüder, Söhne Abrahams, hüllen sich in dreckige Lumpen, sterben vor Hunger, und dein Haus ist voll von Gütern, und nichts, gar nichts kommt aus diesem zu ihnen heraus!"

Und er wandte sich zu seinem Jünger Simon, der neben ihm saß, und sagte: "Simon, Jonas Sohn, leichter ist es, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr geht als ein Reicher in das Himmelreich".

Mk 10, 17-27 parr.

Als er dann aufbrach um weiterzuwandern, lief einer auf ihn zu, warf sich vor ihm auf die Knie nieder und fragte ihn: "Guter Meister, was muß ich tun, um ewiges Leben zu erben?" Jesus antwortete ihm: "Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als Gott allein. Du kennst die Gebote: ‘Du sollst nicht töten, nicht ehebrechen, nicht stehlen, nicht falsches Zeugnis ablegen, keinem das ihm Zukommende vorenthalten, ehre deinen Vater und deine Mutter!’ Jener erwiderte ihm: "Meister, dies alles habe ich von meiner Jugend an gehalten". Jesus blickte ihn an, gewann ihn lieb und sagte zu ihm: "Eines fehlt dir noch: gehe hin, verkaufe

____________________
507

alles, was du besitzest, und gib den Erlös den Armen: so wirst du einen Schatz im Himmel haben; dann komm und folge mir nach!" Er aber wurde über dies Wort unmutig

 

 

und ging betrübt weg; denn er besaß ein großes Vermögen.

Da blickte Jesus rings um sich und sagte seinen Jüngern: "Wie schwer wird es doch für die Begüterten sein, in das Reich Gottes einzugehen!" Die Jünger waren über diese seine Worte betroffen, Jesus aber wiederholte seinen Ausspruch nochmals mit den Worten: "Kinder, wie schwer ist es doch in das Reich Gottes einzugehen! Es ist leichter, daß ein Kamel durch ein Nadelöhr hindurchgeht, als daß ein Reicher in das Reich Gottes eingeht!"

 

4.

Plutarch, Mor. 235 C

Als in Olympia die Spiele stattfanden, wollte ein Greis zuschauen, fand aber keinen Platz. Er ging an vielen Plätzen vorbei und wurde dabei übel behandelt und verspottet, ohne daß ihn jemand in seine Reihe aufnahm. Als er zu den Lakedämoniern kam, standen alle jungen Leute und viele Männer auf und boten ihm ihren Platz an. Die versammelten Griechen lobten dieses Verhalten durch ihren Beifall über die Maßen. Da bewegte der Alte "sein graues Haupt und seinen grauen Bart" und brach in Tränen aus mit den Worten: "Schande über diese üblen Leute, denn alle Griechen wissen zwar, was gut und richtig ist, aber die Spartaner allein verhalten sich entsprechend.

Plutarch, Mor. 235 D

Während der Panathenäen behandelten die Athener einen Greis in schmählicher Weise, indem sie ihn herbeiriefen, als wollten sie ihn in ihre Sitzreihe aufnehmen; wenn er dann kam, taten sie es aber nicht. Als er schon durch fast alle Reihen gegangen war, kam er zu den Festbesuchern aus Sparta, die allesamt aufstanden und ihm ihren Platz anboten. Die Menge bedachte dieses Verhalten vollerBewunderung mit außergewöhnlichem Beifall, und einer der Spartaner sagte: Bei den Dioskuren, die Athener wissen schon, was gut und richtig ist, sie tun es aber nicht.

 

_____________________
508

5.

Platon, Staat 330 a
Vielmehr ist hier das Wort des Themistokles wohl am Platze, mit dem er jenem Seriphier Bescheid tat. Als dieser sich nämlich in Schmähungen gegen ihn erging und sagte, er verdanke seinen Ruhm nicht sich selbst, sondern der Stadt, antwortete er, weder wäre er selbst, Themistokles, als Seriphier berühmt geworden noch jener als Athener.

 

 

 

 

 

Herodot 8, 125
Als Themistokles aus Sparta nach Athen zurückgekehrt war, wurde er von Timodemos aus Aphidnai, einem Feind, der sich sonst nicht weiter hervorgetan hatte, jetzt aber vor Neid barst, mit Schmähungen überhäuft. Timodemos machte ihm die Reise nach Sparta zum Vorwurf und sagte, die Geschenke der Spartaner verdanke er bloß Athen, aber nicht sich selbst. Als er gar kein Ende finden konnte, sagte Themistokles: "Ganz recht! Weder hätten mich, wenn ich aus Belbina stammte, die Spartiaten so geehrt, noch dich, Mann, obwohl du ein Athener bist".

 

6.

Aelian, v. h. 13, 38
Dieser (sc. Alkibiades) wurde von den Athenern zu einem Kapitalprozeß aus Sizilien gerufen, er gehorchte aber nicht und sagte: Es wäre töricht, wenn derjenige, der Recht hat, versucht frei-gesprochen zu werden, wenn die Möglichkeit besteht, daß er verurteilt wird. Da sagte jemand: "Vertraust du deinem Vaterland nicht bei einem Prozeß gegen dich?" Er antwortete: "Nicht einmal meiner Mutter! Denn ich fürchte, daß sie nicht Bescheid weiß, sich über den wahren Sachverhalt täuscht und den schwarzen statt des weißen Stimmsteins abgibt". Als er erfuhr, daß er von seinen Mitbürgern zum Tode verurteilt worden war, sagte er: "Zeigen wir ihnen also jetzt, daß wir leben".

 

 

 

Und er begab sich zu den Spartanern und entfesselte den Dekeleischen Krieg gegen die Athener.

Plutarch, Mor.186 ef
Von den Athenern zu einem Kapitalprozeß aus Sizilien abgerufen, ver-steckte er sich und sagte: "Es wäre töricht, wenn derjenige, der Recht hat, versucht freigesprochen zu werden, wenn die Möglichkeit besteht, daß er verurteilt wird".

Als jemand sagte: "Vertraust du deinem Vaterland nicht bei einem Prozeß gegen dich?", antwortete er: "Was mich betrifft, vertraue ich nicht einmal meiner Mutter, damit sie nicht aus irgendeiner Unkenntnis, den schwarzen statt des weißen Stimmsteins abgibt".

Als er hörte, daß sein Tod und der seiner Begleiter beschlossen war, sagte er: "Zeigen wir ihnen also jetzt, daß wir leben".

 

 

Und er schlug sich auf die Seite der Spartaner und zettelte den Dekeleischen Krieg gegen die Athener an.

 

Plutarch, Alc. 22, 1-4
In Thurioi begab er sich an Land, versteckte sich erfolgreich vor denen, die nach ihm suchten.

 

 

 

 

Als ihn jemand erkannte und sagte: "Alkibiades, vertraust du deinem Vaterland nicht?", ant-wortete er: "In allen anderen Dingen ja, aber wenn es um mein Leben geht, nicht einmal meiner Mutter, damit sie nicht aus Versehen einen schwarzen statt eines weißen Stimmsteins nimmt".

Als er später hörte, daß die Stadt ihn zum Tode

 

________________
509

verurteilt hatte, sagte er: "Nun werde ich ihnen zeigen , daß ich lebe".

7.

Plutarch, Mor. 525 d

Buza&ntio/n tina le/-gousin e0pi\ dusmo/rfw| gunaiki\ moixo_n eu(-ro/nt ei0pei=n, (w} talai/pore, ti/j a)n- a&gka; sapra_ ga_r a( tru&c0.

Ein Byzantiner soll, als er einen Ehebrecher bei seiner häßlichen Ehefrau fand, gesagt haben: Du Unglücklicher! Was zwingt dich dazu? Die Hefe schimmelt doch schon!

 

Plutarch, Mor. 235 e

Labw&n tij moixo\n e)p   )ai0sxra~| gunaiki/ (a!qlie ei]pe (ti/j toi a)na&gka;

Als jemand einen Ehebrecher bei seiner häßlichen Frau fand, sagte er: Du Ärmster, was zwingt denn dich dazu?

 

Philogelos 263

Eu0tra/pelo/n tij e0loido/rei, o3ti Sou= th_n gunai=ka dwrea_n e1sxon. o9 de\ ei]pen: )Emoi\ me\n a)na&gkh tosou/tou kakou= a)ne/xesqai: soi\ de\ ti/j a)na/gkh;

Jemand versuchte einen witzigen Mann mit den Worten zu beleidigen: Ich habe deine Frau umsonst bekommen. Der antwortete: Ich bin gezwungen, ein solches Übel auf mich zu nehmen; was zwingt dich dazu?

 

8.

Plutarch, Mor. 189ef
Er (Lykurg) verhinderte, daß sie mehrmals gegen dieselben Krieg führten, um deren Kampftüchtigkeit nicht zu fördern. Als später Agesilaos verwundet wurde, sagte Antalkidas, er habe von den Thebanern eine gute Lehre erhalten, da er sie, die von sich aus nicht dazu bereit waren, an das Kriegführen gewöhnt und es sie gelehrt habe.
Plutarch, Mor. 227cd
Gefragt, warum er (Lykurg) verhindert habe, daß man mehrmals gegen dieselben Feinde zu Felde ziehe, sagte er: "Damit sie nicht, indem sie sich daran gewöhnen, sich öfter zu wehren, kriegserfahren werden". Deswegen schien auch ein Vorwurf gegen Agesilaos von nicht geringem Gewicht zu sein, er habe durch die ständigen Einfälle und Heerzüge in Böotien die Thebaner zu gleichwertigen Feinden der Spartaner gemacht. Als Antalkidas ihn verwundet liegen sah, sagte er: "Du hast einen schönen Lohn für deine Erziehungsarbeit bekommen, denn du hast sie, die weder kämpfen wollten noch sich darauf verstanden, gut unterrichtet".

 

_______________________
510

        Zuerst sollen, wenigstens kurz, die Beziehungen dieser Stücke jeweils zueinander betrachtet werden. Wir beginnen mit den nicht-evangelischen. In Nr 4 spricht für die Priorität von (b) die Tatsache, daß einer der wahren Protagonisten, ein Spartaner, die lakonisch kurze Zuspitzung ausspricht, nicht aber der Greis, der ja im Grunde eine Nebenfigur ist; sicher ist das jedoch keineswegs, denn (b) könnte sich ja auch der Hand eines sehr geschickten Bearbeiters verdanken. Manche Anekdote wird im Laufe der Tradition besser, häufig beim selben Erzähler. In Nr. 5 ist von der Fassung Herodots anzunehmen, daß sie ursprünglich und sogar historisch ist. Es ist sehr einleuchtend, daß die etwas sperrige Anekdote Herodots in die platonische Fassung gebracht wurde, nicht aber das Umgekehrte. Wie sehr die herodoteische Fassung an Vollständigkeit des Gedankenganges und an Schärfe der platonischen nachsteht, kann die folgende – falsche – Übersetzung (von A. Horneffer) zeigen: "...sagte Themistokles: ‘Ganz recht! Wenn ich aus Belbina stammte, hätten die Spartiaten mich so nicht geehrt. Aber sie hätten auch dich nicht geehrt, wenn du ein Athener wärst’. "Der Gedankengang ist jedoch der folgende: ‘Ich wäre nicht geehrt worden, wenn ich aus Belbina (einer kleinen, aber selbständigen Insel im saronischen Golf) stammte, du nicht, obgleich du wie ich aus Athen bist (denn Aphidnos ist ein Ort in Attika), wenn du an meiner Stelle nach Sparta gegangen wärest’. In Nr. 6 ist erstaunlicherweise die in den erzählenden Text von Plutarchs Biographie des Alkibiades eingebettete Fassung (c) kürzer als die Einzelstücke (a) und (b), was in bemerkenswertem Gegensatz steht zu dem, was Neutestamentler immer wieder mit Selbstverständlichkeit annehmen. Von keiner der drei Fassungen ist auch nur mit einer geringen Wahrscheinlichkeit zu sagen, daß sie den anderen vorausgeht. Da wir jedoch in diesem Fall wissen, daß Aelian in der 2.H. des 2. Jh. lebte, könnte er von Plutarch abgeschrieben haben. Auch in Nr. 7 läßt sich kaum entscheiden, welche der Fassungen die frühere ist. Die Hinzufügung der Herkunftsangabe in (a) erklärt zwar den dorischen Dialekt, hätte sich aber erübrigt, wenn statt a)na/gka die nicht-dorische Form a)na/gkh etc. geschrieben worden wäre, denn nicht der dorische Dialekt macht den Witz aus, wie die Fassung (c) zeigt. Am gelungensten ist in seiner lakonischen Kürze, die durch das einzelne Dialektmerkmal a)na/gka noch unterstrichen wird, die Fassung (b), am wenigsten gelungen die pedantische Fassung (c). Die literarische Qualität läßt

 

_______________________
511

jedoch keinen Schluß auf die Priorität zu. In Nr. 8 kann sowohl die kurze Fassung erweitert als auch die lange gekürzt worden sein. Selbst wenn man der kurzen Fassung literarisch den Vorzug gibt, heißt das ebenso wenig wie in Nr. 7, daß sie die frühere ist. Mit einiger Wahrscheinlichkeit läßt sich also nur im Fall der Fassung von Nr. 5b sagen, daß sie früher ist als die Parallelfassung.

        Wenden wir uns nun, vor zu großer Zuversicht gewarnt, den Texten aus der evangelischen Tradition zu: In Nr. 1 kann sowohl ein ursprünglich vereinzeltes Wort – einerseits verkürzt, andererseits erweitert – in ein Evangelium 8 eingebettet als auch ein (vermeintliches) Herrenwort einem Evangelium entnommen, verkürzt und erweitert worden sein (Man vergleiche Nr. 6). Die Möglichkeit aber, daß noch weitere Fassungen vorhanden waren, über die wir nichts wissen können, ist nicht nur nicht auszuschließen, sondern angesichts des Befundes sehr viel wahrscheinlicher. Die Unterschiede lassen sich leichter erklären, wenn man wenigstens eine Zwischenstufe annimmt.

        In Nr. 2 übersetzt Jeremias den mittleren Satz folgendermaßen: "Die Lämmer sollen nach ihrem Tode die Wölfe nicht fürchten" und kommentiert: "Schon der nicht gerade geistreiche Inhalt macht es schwer (in diesem Satz) ein versprengtes Herrenwort zu erblicken" 9. Man muß zweierlei beachten: 1. fobei/sqwsan ist ein Imper. des Präsens, so daß man den Satz so wiedergeben muß: "Die Schafe müssen / brauchen nach ihrem Tod nicht länger (Imper. Präsens !) in Furcht vor den Wölfen (zu) sein / (zu) leben". 2. In seiner prägnanten Kürze erinnert der gesamte Text und besonders dieser Satz an viele Texte des NT. Ich vervollständige: "Selbst die Schafe, mit denen du euch vergleichst, brauchen nach ihrem Tode die Wölfe nicht länger zu fürchten, erst recht also nicht ihr, deren eigentliches Leben nach dem Tode kommt". Der Satz entspricht genau dem, was folgt, und dem, was bei Mt 10, 28 steht, so daß sich ein völlig unverächtlicher Gedankengang ergibt und die Meinung von Ropes sehr gut begründet ist: "Daß wir hier einen überlieferten und nicht einen künstlich konstruierten Zusammenhang haben, wage ich nicht zu bezweifeln; denn gerade diese sich

 

_______________________
512

miteinander in keinem Stück berührenden Stellen so zu verbinden, wäre gewiß niemandem nachträglich eingefallen" 10.

        Im Fall von Nr. 3 gibt es keinen Grund, die eine gegenüber der anderen Fassung abzuwerten. Ich stimme sowohl Ropes als auch Jeremias zu, die beide Nr. 3a als eine selbständige, von Markus unabhängige Fassung der Geschichte vom reichen Jüngling ansehen 11. Unter dem Gesichtspunkt der literarischen Qualität wäre der knappe Schluß von 3a dem überaus wortreichen von 3b vorzuziehen 12.

        Ich komme zum eigentlichen Anlaß dieses Vergleichs: Die verschiedenen Fassungen unterscheiden sich u.a. durch Erweiterung des Personals (1; 2), (genauere) Benennung einer anonymen Person (5;7), Erweiterung des Redeteils (1a; 1b; 2; 3; 6a; 7), Verkürzung des Redeteils (1a; 1b; 6b), Veränderung des Ortes (4), zusätzliche Ortsangaben (5; 6; 8), Änderung des Sprechers (4), Umwandlung des Monologs in einen Dialog (7), (gewichtige) Erweiterung der Erzählung (5; 6b). Bei diesen acht Einzelstücken lassen sich demnach wenigstens 19 höchst gewichtige Unterschiede feststellen, und zwar in gleichem Maße in den Stücken der evangelischen wie in denen der nicht-evangelischen Tradition. Solche Veränderlichkeit von literarischen Einzelstücken ist als eine Konstante einer nicht-kanonisierten Überlieferung anzusehen, und sie gilt a fortiori unter den Bedingungen einer hypothetischen per definitionem nicht nur tradierenden, sondern selbständig gestaltenden "Gemeindetheologie". Vergleichbare Unterschiede zueinander und zum überlieferten Text der Synoptiker müßten sich in jenen Einzelstücken gefunden haben, die die Form- und die Redaktionsgeschichtler als Quellen der synoptischen Evangelien glauben erschließen zu können, da die "Gemeindetheologie" ja der Weg ist, an dessen Ende erst die Kanonisierung steht. Wenn sie Recht hätten, müßten also Hunderte von gewichtigen Varianten zum überlieferten Text der Synoptiker

 

_______________________
513

spurlos 13 verschwunden sein. Wer die vielen Fälle von vielfältigen Angleichungen der kanonischen Evangelien untereinander in den Handschriften betrachtet, muß es für völlig unwahrscheinlich halten, daß so viele mit den Evangelien eng verwandte Texte mit so vielen Varianten, die einem jeweils zahlenmäßig beachtlichen Teil des Zielpublikums eng vertraut gewesen sein müßten, keinerlei Spuren in den kanonischen Evangelien hinterlassen haben sollten, zumal ja auch die Schreiber eine geraume Zeit und in der Mehrheit keine beruflichen Kopisten gewesen sein dürften, sondern Glieder der Gemeinde. Auch die Bildung des Kanons, wenn man sie denn so früh annehmen will, hätte eine solche Menge von Varianten nicht so vollständig beseitigen können.

 

* * *

        Ich fasse zusammen: 1. Es ist nach dem Befund in der handschriftlichen Überlieferung des Neuen Testamentes auszuschließen, daß es je eine Editionsgeschichte der Evangelien gegeben hat. Die Evangelien sind in der Form verfaßt worden, in der sie uns vorliegen. Es ist also Abschied zu nehmen von einem Ur-Markus, einem eschatologischen Ur-Johannes etc. 2. Es gibt keinerlei Anhaltspunkte dafür, daß die vorliegenden Evangelien auf einer mehr oder weniger langen theologisch und literarisch schöpferischen "Gemeinde"-Tradition von sehr zahlreichen mündlich und/oder schriftlich umlaufenden Einzelstücken gründen. Eine solche Tradition hätte sich in einer so großen Zahl von gewichtigen Textvarianten niedergeschlagen, daß deutliche Spuren davon geblieben wären 14.

 

Institut für Urchristentum und Antike
Humboldt-Universität
Waisenstr. 28
D-10179 Berlin

Ulrich VICTOR

 

_______________________
514

SUMMARY

        In view of the New Testament manuscript evidence, the gospels never had an editorial history. The gospels were composed in the form in which they exist today. There was consequently never an "Ur-Markus", an eschatological "Ur-Johannes" etc. There are no indications that the gospels are based on a longer or shorter creative theological and literary "community" tradition of very numerous units circulating orally or in writing. Such a tradition would have been reflected in so large a number of important textual variants that clear traces would have remained.

 

Notes:

* Meinem Vater zum 24. 10.

1 Im folgenden Text ist nur noch von "Auflage" die Rede.

2 Diese Überlegung ist nichts Neues, s. z. B. TH. ZAHN, Das Evangelium des Johannes (Leipzig 61921) 689-690.

3 Dies ist die Voraussetzung und Erklärung dessen, was K. und B. Aland als "Tenazität" der Überlieferung des NT bezeichnen, s. K. ALAND – B. ALAND, Der Text des Neuen Testamentes (Stuttgart 2 1989) 295-296.

4 a. Die verschiedenen Markus-Schlüsse sind Versuche, die vermeintlichen Mängel des originalen Schlusses von 16, 8 zu beseitigen. Sie lassen sich alle aus einem oder mehreren Gründen mit sehr großer Sicherheit als sekundär erweisen.

        b. Die Adultera-Perikope Joh 7,53–8,11 läßt sich aufgrund sprachlicher Besonderheiten als ein Fremdkörper in Jo erweisen. Dazu paßt, daß die Perikope den Gedankengang zwischen 7, 52 und 8,12-14 unterbricht. Man fragt sich, was sie an dieser Stelle zu suchen hat. Besonderheiten der handschriftlichen Überlieferung bestätigen diesen Befund: (a) Die Perikope findet sich an wechselnden Stellen im NT, (b) Die Perikope selbst ist in ihrem Textbestand sehr unterschiedlich überliefert. Einem Redaktor, der seinen Namen verdient, wäre es zweifellos gelungen, einen Einschub wie diese Perikope, so vorzunehmen, daß die Nähte zur Umgebung des Einschubs weniger offensichtlich wären als in diesem Fall.

        c. Die Apostelgeschichte existiert in zwei Fassungen, deren eine um fast ein Zehntel umfangreicher ist als die andere. Keine der beiden Fassungen, die ich nicht zögere "Redaktionen" zu nennen, ist insgesamt der anderen vorzuziehen, und zwar so wenig, daß selbst das Herausgeberkomitee des Nestle-Aland, das im allgemeinen im NT mit zu bestaunender Sicherheit nach "guten" Handschriften entscheidet, "proceeded in an eclectic fashion, judging that neither the Alexandrian nor the Western group of witnesses always preserves the original text" (B.M. METZGER, A Textual Commentary on the Greek New Testament [Stuttgart 21994] 235).

5 V. MARTIN – J. W. B. BARNS, Papyrus Bodmer II, Suppl., (Bibl. Bodmeriana, Cologny 1962). Manche der hier aufgeführten Sonderlesarten fehlen im Apparat von NESTLE-ALAND, Novum Testamentum Graece (Stuttgart 271993).

6 Während der Arbeit an diesem Papier konnte ich mit Freude feststellen, daß B. Aland diese Einschätzung der überlieferten Handschriftenvarianten teilt: B. ALAND, "Das Zeugnis der frühen Papyri für den Text der Evangelien", The Four Gospels (FS F. Neirynck; [ed. F. VAN SEGBROECK et al.] Leuven 1992) I, 325-335, bes. 329-330.

7 J. ROHDE, Die redaktionsgeschichtliche Methode (Hamburg 1966) 14. G. BORNKAMM, "Die Sturmstillung im Matthäusevangelium", Überlieferung und Auslegung im Matthäusevangelium (Hrsg. von G. BORNKAMM, G. BARTH, G. HELD) (Neukirchen 1960) 50, schließt seinen Aufsatz mit der Bemerkung, es solle nicht das Prinzip der Formgeschichte, die Einzelperikopen als die primären Daten der Überlieferung anzusehen, in Frage gestellt werden.

8 Es handelte sich möglicherweise um das Ägypterevangelium, s. A. RESCH, Agrapha (Leipzig 21906) 252-254. Siehe auch J. H. ROPES, Die Sprüche Jesu (Leipzig 1896) 129-132.

9 J. JEREMIAS, Unbekannte Jesusworte (Gütersloh 21983) 42.

10 ROPES, Agrapha, 146-147; JEREMIAS, Unbekannte Jesusworte, 42.

11 JEREMIAS, Unbekannte Jesusworte, 47-49; ROPES, Agrapha, 148: "Daß sie aus guter alter Überlieferung stanmt und auf wirkliche Erinnerung zurückgeht, kann ich nicht bezweifeln".

12 Irgendeine Sicherheit gibt es nicht. Größte Behutsamkeit ist angeraten. Angesichts der Schwierigkeiten, die Beziehungen von vorhandenen Texten zueinander zu bestimmen, ist die Kühnheit zu bestaunen, mit der die Form- und die Redaktionsgeschichtler über nicht (mehr) vorhandene Texte urteilen. Das gilt nicht zuletzt für den Mut, mit dem über die Quelle Q geurteilt wird.

13 Wenn die Beispiele Nr. 2 und 3 solche Spuren sein sollten, wären sie gewiß nicht hinreichend, um die Grundannahme der Form- und Redaktionsgeschichtler zu bestätigen und das gewichtige Gebäude zu tragen, das sie darauf gründen. Dazu bedürfte es mehr.

14 Aus einer etwas anderen Richtung kommt W. D. KÖHLER, Die Rezeption des Matthäusevangeliums in der Zeit vor Irenäus (WUNT 2, 24; Tübingen 1987), zu einem verwandten Ergebnis. Er bemerkt am Schluß (525) seiner umfangreichen Arbeit: "..nie war die Aufnahme vorsynoptischer mündlicher Tradition wahrscheinlich zu machen".