* Grundgedanken zu diesem Thema habe ich am 4. 12. 1997 in der Evangelisch-theologischen Fakultät der Universität in Bonn vorgetragen.

1 Zur Auslegung von Mt 7,7 im Kontext von V. 7-11 und zur reichen Wirkungsgeschichte des Diktums über das Suchen und Finden vgl. U. LUZ, Das Evangelium nach Matthäus (Mt 1–7) (EKK I/1; Neukirchen-Vluyn – Zürich 1985) 382-387.

2 Die Nachgeschichte zu Mt 7,7 ist bereits in verschiedener Hinsicht untersucht worden ; vgl. N. BROX, "Suchen und Finden. Zur Nachgeschichte von Mt 7,7b; Lk 11,9b", Orientierung an Jesus (FS. J. Schmid; [ed. P. HOFFMANN] Freiburg 1973) 17-36; K. KOSCHORKE, "'Suchen und Finden' in der Auseinandersetzung zwischen gnostischem und kirchlichem Christentum", WuD 14 (1977) 51-65. Demgegenüber hat die Vorgeschichte im Alten Testament noch keine eingehende Behandlung erfahren. Gute Beobachtungen zum Thema finden sich bei C. WESTERMANN, "Die Begriffe für Suchen und Fragen im Alten Testament", WuD 6 (1960) 2-30 (= Forschung am Alten Testament. Gesammelte Studien Bd. II [ed. R. ALBERTZ – E. RUPRECHT] [München 1974] 162-190). Weitere wichtige Hinweise enthalten die Wörterbuchartikel zu den oben genannten Verben; vgl. zu #$qb pi. G. GERLEMAN, THAT, I, 333-336; S. WAGNER, TWAT, I, 754-769; zu #$rd G. GERLEMAN – E. RUPRECHT, THAT, I, 460-467; S. WAGNER, TWAT, II, 313-329; zu rx#$ II L. RUPPERT, TWAT, VII, 1222-1226; zu )cm G. GERLEMAN, THAT, I, 922-925; S. WAGNER, TWAT, IV, 1043-1063.

3 Vgl. Prov 3,13; 4,22; 8,9.12.17 ("Die mich [= die Weisheit] suchen [rx#$], werden mich finden".) 35 ("Denn die mich suchen, finden das Leben..."); 10,13; 15,14; 16,20; 18,15; 19,8; 21,21; 24,13-14. Nicht von ungefähr gibt es beim Suchen und Finden zuweilen eine Affinität zur Sprache der Liebe (vgl. Hdl3,1-4; 5,6-8; 8,1).

4 Vgl. J. JEREMIAS, Der Prophet Hosea (ATD 24,1; Göttingen 1983) 73-77, der zu Recht eine Anspielung auf das Suchen und Nicht-Finden im Baalmythos annimmt, welche polemisch abgewandelt worden ist (vgl. 77); Hoseas Gegenentwurf der Gottessuche ist in Hos 6,6 nachzulesen (vgl. H. SIMIAN-YOFRE, El Desierto de los Dioses. Teología e Historia en el libro de Oseas [Córdoba 1993] 82. In eine ähnliche Richtung weist das Suchen und Nicht-Finden des Wortes JHWHS in Am 8,11-12. Theologiegeschichtlich ist dieser Text mit seinem Interesse an der Identität von prophetischem Unheilswort und Gotteswort allerdings erst auf dem Hintergrund der deuteronomistischen Theologie verständlich und somit im exilischen Stadium des Amosbuches zu verorten (vgl. J. JEREMIAS, Der Prophet Amos [ATD 24,2; Göttingen 1995] 119-120). Nachgerade spiegelbildlich verhält sich dazu Ez 22,30 (vgl. 13,5) im Zusammenhang des Wortes 22,23-31, einer Redaktionsschicht des Ezechielbuches zugehörig, die unter anderem das Scheitern prophetischer Fürbitte bedenkt (vgl. dazu H. SPIECKERMANN, "Konzeption und Vorgeschichte des Stellvertretungsgedankens im Alten Testament", Congress Volume Cambridge 1995 [SVT LXVI; Leiden 1997] 281-295, 287-292). Gott sucht einen Mann – doch wohl einen Propheten –, der fürbittend für das Land eintreten könnte, findet aber niemanden. Zeitlich werden die Amos- und die Ezechielstelle nicht weit voneinander entfernt sein. In Prov 1,28 hat die Weisheit aus der Prophetie den drohenden Sprachgestus des Suchens und Nicht-Findens übernommen.

5 Dtn 4,29 spielt auf 6,5 an, wobei bh) in 6,5 durch #$rd in 4,29 interpretiert wird.

6 Zur Analyse von 4,29-31 im Kontext von 4,29-35 vgl. D. KNAPP, Deuteronomium 4. Literarische Analyse und theologische Interpretation (GTA 35; Göttingen 1987) 91-106. KNAPP urteilt aufgrund sprachlicher Beobachtungen, daß Dtn 4,29 von Jer 29,13 abhängig sei (92). Demgegenüber scheinen die sogleich vorzutragenden inhaltlichen Argumente für ein genau umgekehrtes Abhängigkeitsverhältnis ein größeres Gewicht zu haben.

7 Vgl. W. THIEL, Die deuteronomistische Redaktion von Jeremia 26-45 (WMANT 52; Neukirchen-Vluyn 1981) 14-17. THIEL beurteilt das Abhängigkeitsverhältnis von Dtn 4,29 und Jer 29,13 im oben dargelegten Sinne (vgl. 15).

8 Jer 29,14 MT hat bis auf die beiden ersten Wörter (Mkl yt)cmnw) keine Entsprechung in LXX. Die Vermutung, daß LXX an dieser Stelle ein älteres Textstadium repräsentiert als MT (vgl. jüngst wieder W. MCKANE, A Critical and Exegetical Commentary on Jeremiah [ICC; Edinburgh 1996] 729-730), ist plausibel. Dafür könnte zusätzlich sprechen, daß die Kenntnis von V. 14 in Ez 34,16 nicht vorausgesetzt ist, sofern überhaupt eine Bekanntheit des einen Textes bei der Abfassung des anderen vorausgesetzt werden darf. J. LUST ("'Gathering and Return' in Jeremiah and Ezekiel", Le Livre de Jérémie [BETL LIV; Leuven 1981] 119-142, 122-126) hat mit Nachdruck auf den sprachlich und sachlich undeuteronomistischen Charakter von Jer 29,14 hingewiesen. Zugleich bleibt aber auch festzuhalten, daß die Ergänzung in Jer 29,14 den in 29,10-13 vorgetragenen Gedanken konsequent weiterführt; vgl. ferner die differenzierte Beurteilung der literarischen Abhängigkeitsverhältnisse durch G. VANONI, "Anspielungen und Zitate innerhalb der hebräischen Bibel. Am Beispiel von Dtn 4,29; Dtn 30,3 und Jer 29,13-14", Jeremia und die "deuteronomistische Bewegung" (ed. W. Groß) (BBB 98; Weinheim 1995) 383-397.

9 Zur literarischen Analyse und literarhistorischen Einschätzung von Ez 34,15 und 34,16 im Kontext von 34 vgl. einerseits F. HOSSFELD, Untersuchungen zu Komposition und Theologie des Ezechielbuches (fzb 20; Würzburg 1977) 230-286 (vgl. auch LUST, "'Gathering and Return'", 139-140) und andererseits C. LEVIN, Die Verheißung des neuen Bundes in ihrem theologiegeschichtlichen Zusammenhang ausgelegt (FRLANT 137; Göttingen 1985) 218-222. Demgegenüber macht die "Quellenscheidung" in Ez 34,1-16 durch H. WILLMES (Die sogenannte Hirtenallegorie Ez 34 [BET 19; Frankfurt 1984]; ders., "Differenzierende Prophezeiungen in Ez 34", Ezekiel and His Book [BETL LXXIV; Leuven 1986] 248-254) einen stark konstruierten Eindruck.

10 Jes 55,6-11(13) dürfte zu den Text(zusammenstellung)en gehören, die für ein fortgeschrittenes Stadium des werdenden Deuterojesajabuches als Abschluß verfaßt worden sind, eine Komposition, "die den Prolog 40,1-11 auf ihre Weise nachbildet" (R. G. KRATZ, Kyros im Deuterojesaja-Buch [FAT 1; Tübingen 1991] 138 A. 528; schon vorher in dieselbe Richtung weisend A. ROFÉ, "How is the Word Fulfilled? Isaiah 55:6-11 within the Theological Debate of Its Time", Canon, Theology, and Old Testament Interpretation. (FS. B. S. Childs [ed. G. M Tucker u. a.] Philadelphia1988) 246-261, 252-256. Auch H.-J. HERMISSON betont die Bedeutung von 55,8-13 für die Konzeption vom schöpferischen JHWH-Wort, die in Prolog und Abschluß des Deuterojesajabuches (vgl. auch 44,24-45,23) die Sicht der gesamten Verkündigung des Buches prägen soll, "Jakob und Zion, Schöpfung und Heil. Zur Einheit der Theologie Deuterojesajas", Zeichen der Zeit 44 (1990) 262-268, 267 (= Studien zu Prophetie und Weisheit. Gesammelte Aufsätze [ed. J. Barthel u. a.] [FAT 23; Tübingen 1998] 117-131, 129-130), schreibt den Text aber noch Deuterojesaja zu. Jes 55,6-7 bewertet HERMISSON hingegen als einen Schülertext, der mit eigener Kontur die Verkündigung des Propheten weitersagt ("Einheit und Komplexität Deuterojesajas. Probleme der Redaktionsgeschichte von Jes 40-55", The Book of Isaiah [ed. J. Vermeylen] [BETL LXXXI; Leuven 1989] 287-312, 294-295 = Studien, 132-157, 139-140).

11 Zu Jes 65-66 vgl. die unterschiedlich akzentuierenden Analysen von K. KOENEN, Ethik und Eschatologie im Tritojesajabuch (WMANT 62; Neukirchen-Vluyn 1990) 157-214 und O. H. STECK, "Tritojesaja im Jesajabuch", The Book of Isaiah, 361-406, 394-404 = Studien zu Tritojesaja (BZAW 203; Berlin 1991) 3-45, 34-44; ders., "Beobachtungen zur Anlage von Jes 65-66", BN 38/39 (1987) 103-116 = Studien, 217-228.

12 Dasselbe gilt für II Chr 15,2-4.

13 Vgl. M. EMMENDÖRFFER, Der ferne Gott. Eine Untersuchung der alttestamentlichen Volksklagelieder vor dem Hintergrund der mesopotamischen Literatur (FAT 21; Tübingen 1998) 266 A. 659.

14 Vgl. G. BAUMANN, Die Weisheitsgestalt in Proverbien 1-9. Traditionsgeschichtliche und theologische Studien (FAT 16; Tübingen 1996) 227-231.

15 Zur Einführung in das Koheletbuch, zur Forschungsgeschichte und zur gegenwärtigen Forschungslage, verbunden mit Literaturzusammenstellungen, vgl. J. L. CRENSHAW, „Ecclesiastes, Book of", ABDic 2 (1992) 271-280; O. KAISER, Grundriß der Einleitung in die kanonischen und deuterokanonischen Schriften des Alten Testaments Bd. 3 (Gütersloh 1994) 83-96; R. G. LEHMANN, "Bibliographie zu Qohelet", D. MICHEL, Untersuchungen zur Eigenart des Buches Qohelet (BZAW 183; Berlin 1989) 290-322; N. LOHFINK, "Das Koheletbuch: Strukturen und Struktur", Das Buch Kohelet. Studien zur Struktur, Geschichte, Rezeption und Theologie (ed. L. Schwienhorst-Schönberger) (BZAW 254; Berlin 1997) 39-121; D. MICHEL, Koheletbuch, TRE 19 (1990) 345-356; ders., Qohelet (EdF 258; Darmstadt 1988); L. SCHWIENHORST-SCHÖNBERGER, "Das Buch Kohelet", E. ZENGER u. a., Einleitung in das Alte Testament (Studienbücher Theologie 1,1; Stuttgart 1995) 263-270; L. SCHWIENHORST-SCHÖNBERGER, "Kohelet: Stand und Perspektiven der Forschung", Das Buch Kohelet, 5-38; R. N. WHYBRAY, Ecclesiastes (OTGuides; Sheffield 1989).

16 Sowenig zu bezweifeln ist, daß Kohelet in intensiver Auseinandersetzung mit den geistigen Strömungen seiner Zeit (auch des Hellenismus) steht, sowenig ist zugleich wahrscheinlich, daß Kohelet andere Positionen, mit denen er sich auseinandersetzen will, in seinen Ausführungen zu Wort kommen läßt, um sie erst anschließend kritisch zu würdigen (sog. Zitatentheorie, vgl. F. J. BACKHAUS, "Denn Zeit und Zufall trifft sie alle". Studien zur Komposition und zum Gottesbild im Buch Qohelet [BBB 83; Frankfurt 1983] 57-65; MICHEL, Qohelet, 21-33; ders., TRE, 19, 347-348; ders., Untersuchungen 1-183; R. N. WHYBRAY, "The Identification and Use of Quotations in Ecclesiastes", Congress Volume Vienna 1980 [SVT XXXII; Leiden 1981] 435-451 u. a.). Die bestehenden Spannungen in Kohelets Werk entspringen wohl nicht einer mit den Gegnern gepflegten diatribisch-dialogischen Auseinandersetzung. Formal ist das monadisch-monologische Denken (nicht zu verwechseln mit einer Apperzeptionsverweigerung gegenüber anderen Positionen!) bei Kohelet eindrücklicher. Wo Kohelet Fremdes aufnimmt, tut er es bewußt, um Spannung im eigenen Sinne zu erzeugen. Weil Ordnung unerkennbar geworden ist, kann es Widerspruchsfreiheit des Denkens nicht mehr geben. Wie sich Kohelets suchendem Blick die Zusammenhänge verweigern, so verweigert er seinen Gedanken die formale und materiale Stimmigkeit. Nur das hat System bei Kohelet, sonst nichts. Die wenig kommunikative Diktion Kohelets fordert vom Rezipienten eine intensive Einarbeitung. Daß Kohelet die Hürden dafür hoch macht, dürfte Absicht sein. Einem Publikum, das den leichten Zugang liebt, hat er nichts zu sagen. Diese Einschätzung ist mit den von F. J. Backhaus vorgetragenen Überlegungen kompatibel ("Widersprüche und Spannungen im Buch Qohelet. Zu einem neueren Versuch, Spannungen und Widersprüche literarkritisch zu lösen", F. J. BACKHAUS Das Buch Kohelet, 123-154, 145-150).

17 Der Konkordanzbefund von Suchen und Finden sieht bei Kohelet folgendermaßen aus: #$qb pi. mit Gott als Subjekt 3,15, mit dem Menschen als Subjekt 3,6; 7,25.28.29; 8,17; 12,10; #$rd mit dem Menschen als Subjekt 1,13; )cm (Subjekt immer der Mensch) 3,11; 7,14.24.26.27(bis).28(ter).29; 8,17(ter); 9,10.15; 11,1; 12,10. Von den )cm-Belegen sind sieben verneint (3,11; 7,14.28[bis]; 8,17[ter]), neun formal positiv formuliert (7,26.27[bis].28.29; 9,10.15; 11,1; 12,10) und schließlich einer als Frage mit erwarteter negativer Antwort (7,24). Unter den neun formal positiven )cm-Belegen sind allerdings sechs mit höchst negativen bzw. bedenklichen "Funden" (7,26.27[bis].28.29; auch 9,15: der gefundene arme, weise Mann, der die Stadt durch seine Weisheit rettet, dessen aber niemand gedenkt). Sieht man einmal von der redaktionellen Verwendung in 12,10 ab, gibt es ein in aller Ambivalenz inhaltlich positives Finden nur in 9,10 und 11,1. Schon dieser Überblick macht deutlich: Eine natürliche Korrespondenz von Suchen und Finden gibt es bei Kohelet nicht mehr. In 8,17 wird sie ausdrücklich verneint, und in 7,24-29 erscheint der Zusammenhang von Suchen und Finden nur in problematischen Verbindungen.

18 Zur Auslegung vgl. vor allem die neueren Arbeiten von BACKHAUS, Zeit und Zufall, 119-131; A. A. FISCHER, Skepsis oder Furcht Gottes? Studien zur Komposition und Theologie des Buches Kohelet (BZAW 247; Berlin 1997) 228-244; MICHEL, Untersuchungen, 57-78; L. SCHWIENHORST-SCHÖNBERGER, "Nicht im Menschen gründet das Glück" (Koh 2,24). Kohelet im Spannungsfeld jüdischer Weisheit und hellenistischer Philosophie (HBS 2; Freiburg 1994) 100-112.

19 Die ausgesprochen positive Deutung von Koh 3,1-9 durch SCHWIENHORST-SCHÖNBERGER (Glück, 87-100) dürfte der Intention des Textes kaum gerecht werden. "Die im Gedicht aufgezählten Zeiten sind also letztlich Metaphern für die eine Zeit des menschlichen Lebens insgesamt. Diese Zeit zu ergreifen – dazu ruft Kohelet seine Schüler auf (9,10a). Eine solche Erfahrung echter Gegenwart rührt an die Ewigkeit" (100). Was auch immer "echte" Gegenwart sei: Die im Text genannten Handlungen lassen sich nicht einmal bei großzügiger Betrachtung in ein Positiv-Negativ-Schema bringen. Was macht das Suchen positiv, wenn ihm das Verlieren folgt? Auch Zerreißen und Zusammennähen, Schweigen und Reden entziehen sich der eindeutigen Bewertung, wenn man sich nicht von den Deutungen SCHWIENHORST-SCHÖNBERGERS überzeugen lassen kann. In der Tat will die Handlungsreihe für die Zeit menschlichen Lebens überhaupt stehen, aber eben für die darin erfahrbare Ewigkeitsferne und Undurchschaubarkeit, deren kairoshafter Charakter ein Narrenspiel ist und deshalb die abschließende Frage nach dem Ertrag ohne Chance auf eine positive Antwort läßt.

20 Die in der älteren Forschung anzutreffende Änderung von Ml( oder die inhaltlichen Umdeutungsversuche finden in den neueren Arbeiten erfreulicherweise selten ein Echo (vgl. Darstellung und Diskussion bei F. ELLERMEIER, Qohelet I,1. Untersuchungen zum Buche Qohelet [Herzberg 1967] 309-322 und die treffende Interpretation von MICHEL, Untersuchungen, 61-65). FISCHER, Skepsis, 236-239 tritt allerdings wieder für die Konjektur von Ml( in lm( ein.

21 Die hier vorgetragene Interpretation liegt auf der Linie von W. ZIMMERLI, "Das Buch des Predigers Salomo", H. RINGGREN – W. ZIMMERLI, Sprüche/Prediger (ATD 16/1; 3Göttingen 1980) 121-249, 166-168. ZIMMERLI spricht von einer "Dämpfung der Aussage gegenüber 1.Mose 1" (166). Hingegen weist die Auslegung von SCHWIENHORST-SCHÖNBERGER (Glück, 100-108) in eine andere Richtung. Er will in der Schönheit der Schöpfung "die ontologische Grundlage für die Existenz eines wahren Gutes" erkennen, "in dem Gott sich dem Menschen selbst offenbart" (104). "Hier liegt der Versuch vor, die schöpfungstheologische Aussage von Gen 1, daß alles, was Gott geschaffen hat, gut ist, vor dem Anspruch der Vernunft zu rechtfertigen..." (105). Demgegenüber ist festzustellen, daß Kohelet hier nichts vor hellenistischer Philosophie zu rechtfertigen sucht, sondern allenfalls mit den Mitteln hellenistischer Philosophie autoritative alttestamentliche Tradition kritisiert und von dem beharrlich schweigenden Gott – vielleicht – eine Rechtfertigung erwartet. Schwienhorst-Schönbergers Verweis auf Koh 5,17 (Verhältnis von bw#& und hpy) ist richtig, doch hat der Text eine andere Pointe. In Koh 5,17 geht es nicht um die Erkenntnis des Ganzen als gut und schön, sondern um die göttlich gewährte Teil-Erfahrung des Guten. Gutes in dem Ganzen der Mühsal zu erfahren, ist menschenmöglich. Das ist entschieden weniger als das gute Ganze von Gen 1 und auf der Linie des herabgestuften guten Ganzen zum schönen Ganzen von 3,10 – nicht als Erkenntnis, sondern als Erfahrung, die nichts als Mühe macht.

22 Aufschlußreich ist die Auseinandersetzung, die Sir 39,12-35 (vor allem V. 16.21.33) implizit mit Koh 3,11 führt (vgl. J. MARBÖCK, "Kohelet und Sirach", Das Buch Kohelet, 275-301, 284-291). MARBÖCKS Urteil zum Verhältnis von Kohelet- und Sirach-Text: "Es sind m. E. Umrisse zweier Annäherungen an Fragen um die Antinomien der Schöpfungswirklichkeit, die hier zum Ausdruck kommen: Kohelets Zurückhaltung gegenüber einer argumentierenden Theodizee, sein Verzicht auf die Sprache der traditionellen Doxologie und seine existentielle Anweisung zum kleinen, praktikablen Schritt des Genusses der gewährten Freude, auf der Seite Sirachs ein ständiges, vorsichtiges Tasten nach positiven Möglichkeiten rationalen Verstehens damals offenbar beunruhigender Phänomene der Schöpfungsordnung, nach dem Aufweis ihrer Güte, der in Lob und Bekenntnis mündet" (288-289). Wenn Sirach den um wenige Jahrzehnte von ihm getrennten Kohelet so kritisch verstanden hat, dann wird es schwierig, seine Lehre aus der Distanz von mehr als zwei Jahrtausenden nunmehr allzu positiv zu interpretieren.

23 Vgl. die Erörterung des Problems bei F. DELITZSCH, Hoheslied und Kohelet, (BC IV,4; Leipzig 1875) 265 und seine Erwägung, daß bw+ tw#&(l elliptisch für bw#& wl tw#&(l (= wl by+yhl) stehen könnte; vgl. auch Michel, Untersuchungen, 66 A. 167.

24 Den anderen Texten, die zum Auskosten der dem Menschen von Gott zugestandenen Teil-Gabe aufrufen, ist kein anderer Ton abzuhören; vgl. Koh 2,24; 3,22; 5,17-19 (Gott gibt Antwort durch die Teil-Erfahrung der Freude im Herzen, während die Anteilgabe der Ewigkeit im Herzen [3,11] stumm bleibt.); 7,14; 8,15-17; 9,7-10.

25 Auch alle anderen Mlw(-Belege bei Kohelet haben einen düsteren Ton: 1,4.10; 2,16; 9,6; 12,5.

26 #$qb mit Gott als Subjekt ist selten und ohne bestimmtes inhaltliches Profil: Jos 22,23; Ri 14,4; 1Sam 13,14; 20,16; Ez 3,18.20; 22,30; 33,8; Ps 119,176; Hi 10,6.

27 In Ps 119,176 reagiert der Beter auf die Verheißung in Ez 34,16. Er möchte von Gott wie ein verlorenes Schaf gesucht werden.

28 Eine charakteristische Auswahl von Übersetzungen (und darin beschlossenen Deutungen) mag die Spannweite illustrieren. LXX: kai\ o9 qeo\j zhth/sei to\n diwko/menon (diese positive Deutung in großer Nähe zur hebräischen Fassung von Sir 5,3: Mypdrn #$qbm /yy yk (mit MARBÖCK, "Kohelet und Sirach", 278, wird man übersetzen müssen: "denn YHWH sucht die Verfolgten"; anders BACKHAUS, Zeit und Zufall, 130-131); Vulgata: Deus instaurat quod abiit; DELITZSCH, Hoheslied und Kohelet, 266: "Gott sucht das was verdrängt war auf"; E. PODECHARD, L'Ecclésiaste (EtB; Paris 1912) 300: "et Dieu recherche ce qui a été chassé"; R. GORDIS, Koheleth – The Man and His World (TSJTSA 19; New York 1951; 3. Aufl 1968) 146: "and God always seeks to repeat the past"; ZIMMERLI, Buch des Predigers, 163: "und Gott sucht wieder auf, was entschwunden ist(?)"; N. LOHFINK, Kohelet (NEB; Würzburg 31986) 33: "und Gott wird das Verjagte wieder suchen"; G. OGDEN, Qohelet (Sheffield 1987) 58: "'God requests that it be persued' or 'God requests that we persue (it)'"; J. L. CRENSHAW, Ecclesiastes (OTL; London 1988) 92: "and God brings back what has already been pursued"; MICHEL, Untersuchungen, 78: entweder "Nur Gott kann das, dem man nachjagt, suchen" oder "Gott sucht das, was flüchtig ist (= die Vergangenheit)"; BACKHAUS, Zeit und Zufall, 130: entweder "Und Gott sucht (erfolgreich) nach dem, was (vom Weisen erfolglos) erstrebt wird" oder wahrscheinlicher "Und Gott sucht (immer wieder/unaufhörlich) nach dem (in die Vergangenheit) Entschwundenen (entschwundenen Zeitpunkt)"; C. KLEIN, Kohelet und die Weisheit Israels (BWANT 132; Stuttgart 1994) 141 deutet: "Es geschieht nichts Neues, weil es Gott so will. Er macht stets die Vergangenheit zur Zukunft, indem er Pdrn-t),...= 'das Vergangene', wieder 'hervorsucht'"; SCHWIENHORST-SCHÖNBERGER, Glück, 111 deutet: "Aufgrund der Erfahrung der Vergangenheit versucht die Weisheit, die zukünftigen Folgen eines gegenwärtigenVerhaltens zu erkennen. Daraus entsteht ihre Ethik. 3,15b sagt nun, daß nur Gott Vergangenheit und Zukunft suchen, und das heißt hier: aufsuchen kann. Damit liegt einerseits eine theologische oder besser gesagt: religionsphilosophische Explikation des Begriffs der Ewigkeit vor. Die Ewigkeit als Zusammenfall von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kann nur gedacht werden, weil Gott das Auseinanderstrebende (das, dem man nachjagt) zusammenhält. Gleichzeitig handelt es sich in 3,15 um eine philosophisch-theologische Grundlegung der Weisheitskritik. Die Weisen behaupten, Vergangenheit und Zukunft zu kennen. Kohelet bestreitet dies"; FISCHER, Skepsis, 228: "Denn Gott sucht das Entschwundene".

29 Das Nicht-Finden-Können des Menschen wird noch einmal kräftig in 8,15-17 affirmiert. Keines der obengenannten Objekte wird dort genannt. Aber die in 8,12b-14 vorausgehende Texteinheit gibt ein klares Signal: die Unklarheit, wie es Gerechten und Frevlern hienieden ergeht. Das Paradigma macht noch einmal deutlich, daß es für den Weisen nichts Lohnendes zu finden gibt.

30 Allerdings wird man für eine positive Deutung kaum zureichende Evidenz beibringen können. Die hier favorisierte Auslegung liegt auf der Linie der von H.-P. MÜLLER vorgetragenen Interpretation ("Neige der althebräischen 'Weisheit'", ZAW 90 [1978] 238-263, 248-251 = Mensch – Umwelt – Eigenwelt. Gesammelte Aufsätze zur Weisheit Israels [Stuttgart 1992] 143-168, 153-156).

31 MÜLLER, "Neige", 246 = Mensch, 151: "Geben und Schaffen eines Gottes, der dem Geschaffenen und Beschenkten fernbleibt, unterliegen offenbar von vornherein einer Ambivalenz, die, wenn der Wert der Wirklichkeit zweifelhaft wird, zum offenen Ausbruch kommt. 'Furcht Gottes', wie sie beiläufig noch gefordert (5,6), als dessen Zweck aus dem determinierenden Handeln Gottes gefolgert (3,14) oder als Normalverhalten vorausgesetzt wird (7,18), ist nun nicht länger die ehrerbietige Aufmerksamkeit gegenüber einer die Weltordnung garantierenden, womöglich freundlich-zugewandten Gottesgestalt, sondern nur noch das auflehnungs- und erwartungslose Sich-Fügen unter eine uneinsehbare Vorherbestimmung, auf die sie allenfalls reagiert (3,14)..." (vgl. ders., "Der 90. Psalm", ZTK 81 [1984] 265-285, 276). Positiver, aber doch wohl schon zu positiv FISCHER, Skepsis, 244; nach seiner Sicht hat er in 3,11 "mit der Verborgenheit Gottes, in V. 12-13 mit der Güte Gottes und in V. 14-15 mit der Allmacht Gottes die drei Pfeiler ermittelt, die Kohelets Gottesbild bestimmen. Ihnen korrespondieren vom Menschen her die skeptische Begrenzung der Weisheit, das carpe diem und die Furcht Gottes. Alle Züge dieses Gottesbildes laufen zusammen in der Majestät Gottes: Sein verborgenes Wirken übersteigt menschlichen Geist, seine Zuteilung des Glücks geschieht aus freien Stücken und sein unveränderliches, unergründliches und doch vollkommenes Werk erweist definitiv seine Allmacht." So abgewogen klingen die kritischen Reflexionen des Kohelet nicht.

32 LOHFINK, Kohelet, 53-54 und MICHEL, Untersuchungen, 111-112 rechnen in Koh 7,11-12 mit einem Zitat aus optimistisch gestimmter weisheitlicher Tradition, welches in 7,13-14 von Kohelet kommentiert wird. So wahrscheinlich die traditionale Prägung von 7,11-12 auch ist, so unwahrscheinlich ist der Charakter von 7,13-14 als kritischem Kommentar. Kohelet äußert sich in 7,13 schneidender, als Michel interpretiert: "es gibt Situationen außerhalb der Verfügungsgewalt des Menschen (= Werk Gottes), die eben krumm sind und die man nicht ändern kann – auch nicht mittels der Weisheit" (111). Ob Kohelet nicht eher das relative Recht auch der in 7,11-12 formulierten weisheitlichen Position einsieht, um sogleich in 7,13-14 seine skeptische Einsicht folgen zu lassen, die mit der vorangehenden Auffassung nicht mehr zu einer weiterführenden, widerspruchsfreien Erkenntnis zu vereinen ist? Wie anstößig Koh 7,13 in den Ohren der Zeitgenossen geklungen haben wird, ist Sir 33(36),14-15 zu entnehmen, einer Bezugnahme auf Koh 7,13-14, die die "Krümmungen" Gottes wegläßt und stattdessen von einem ausbalancierten Verhältnis von Böse und Gut, Leben und Tod, gutem Menschen und Frevler sowie Licht und Finsternis zu reden weiß (vgl. MARBÖCK, "Kohelet und Sirach", 279-281).

33 Zum finalen Verständnis von trbd-l( vgl. W. GESENIUS – E. KAUTZSCH, Hebräische Grammatik, (28. Aufl. Leipzig 1909) §165b; PODECHARD, L'Ecclésiaste, 222, 373-374.

34 Konsequenterweise folgt auf diesen Abschnitt in Koh 7,15-22 die Ethik der "Gekrümmten".

35 Das Suchen in 7,25.28 ist ein anderes als das in 7,29. Die Formulierung des Findens in 7,26 ist singulär im Koheletbuch. In 7,27 fällt das "sprach Kohelet" auf, verbunden mit einer redundanten Formulierung in 7,27b, die den Zusammenhang von Finden in 7,27a und Nicht-Finden in 7,28a stört. Die Folge von Nicht-Finden in 7,28a und Finden in 7,28b erzeugen eine gewisse stilistische Unebenheit. In 7,29 wird eine Bilanz gezogen, die nach dem Vorhergehenden überrascht.

36 Einzig 7,27aa("sprach Kohelet")b lassen sich mit einiger Wahrscheinlichkeit als redaktionelle Erweiterung einstufen, die das Gewicht des Folgenden noch mehr unterstreichen soll.

37 Zu dem Versuch, durch Zitatentheorie und Anspielung auf das Hohelied Kohelet zum Anwalt der Frauen und Kämpfer gegen misogyne Ansichten zu machen, vgl. N. LOHFINK, "War Kohelet ein Frauenfeind? Ein Versuch, die Logik und den Gegenstand von Koh 7,23-8,1a herauszufinden", La Sagesse de l'Ancien Testament (ed. M. Gilbert) (BETL LI; 2. Aufl. Leuven 1990) 259-287.417-420; Kohelet, 56-59; SCHWIENHORST-SCHÖNBERGER, Glück, 173-180. Die gründlichste Analyse stammt von I. RIESENER, "Frauenfeindschaft im Alten Testament? Zum Verständnis von Qoh 7,25-29", "Jedes Ding hat seine Zeit..." FS. D. Michel (ed. A.A. Diesel u. a.) (BZAW 241; Berlin 1996) 194-207. Auch bei ihr steht Kohelet schließlich in einem einigermaßen zeitgemäßen Lichte da.

38 Vgl. Spr 2,16-19; 5,2-20; 6,24-35; 7,4-27.

39 Vgl. Spr 1,20-33; 8-9.

40 Vgl. Spr 11,3.6.11; 12,6; 14,9.11; 15,8.19; 16,17 u.ö.; J. HAUSMANN, Studien zum Menschenbild der älteren Weisheit (FAT 7; Tübingen 1995) 37-66.

41 Das Wort ist nur noch einmal in II Chr 26,15 belegt und bezeichnet dort "kunstvoll erdachte Kriegsmaschinen" (HALAT, 347a).

42 In 11,1-2 sollte man nicht den kausalen Charakter von yk eliminieren (gegen MICHEL, Untersuchungen, 207-210 u. a.; vgl. die berechtigte Kritik von SCHWIENHORST-SCHÖNBERGER, Glück, 221-222 A. 119, ohne sein Plädoyer für ein adversatives Verständnis ("dennoch") zu teilen. In 11,2 und 11,6 ist yk ohnehin nur kausal zu verstehen. Deshalb ist aber eine semantische Variante in 11,1 von vornherein unwahrscheinlich. Die Absurdität des Satzes gewinnt auch nur Schärfe bei einer Beibehaltung des kausalen Sinnes.
11,5 macht einen inhaltlich überladenen Eindruck. Vielleicht ist 11,5ab redaktionell hinzugefügt worden. Diese Vermutung ist allerdings sehr unsicher, weil kein offensichtlicher Grund für die Ergänzung genannt werden kann.

43 Zur Auslegung von 11,1-6 vgl. ZIMMERLI, Buch des Predigers, 234-237; SCHWIENHORST-SCHÖNBERGER, Glück, 220-224; Zimmerlis von vielen rezipierte Annahme, daß sich 11,1 auf die "gefährdete Unternehmung des Seehandels" (236) bezöge, dürfte der Metapher vom Schicken des Brotes über das Wasser allerdings nicht gerecht werden.

44 Zu 9,1-10 vgl. die unterschiedlich akzentuierenden Auslegungen von ZIMMERLI, Buch des Predigers, 218-223; LOHFINK, Kohelet, 63-71; MICHEL, Untersuchungen, 166-183; SCHWIENHORST-SCHÖNBERGER, Glück, 196-207. O. LORETZ, "'Frau' und griechisch-jüdische Philosophie im Buch Qohelet (Qoh 7,23-8,1 und 9,6-10)", UF 23 1991) 245-264, hält 9,7-10 für "das Fragment eines älteren israelitischen Trinklieds" (256). FISCHER, Skepsis, 115-148, besonders 137-146, ist ihm in dieser Annahme grundsätzlich gefolgt. Weder in Loretz' noch in Fischers Rekonstruktion hat die These sonderliche Evidenz. Bekanntermaßen arbeitet Kohelet hier mit tradierten Vorstellungen. Sie sind jedoch so sehr von ihm selbst geprägt worden, daß eine Vorlage, wenn sie je existiert hat, nicht mehr erkennbar ist. Darüber hinaus bleibt gegenüber Fischer festzuhalten, daß 9,1-10 die plausiblere Kompositionseinheit ist als 9,1-12.

45 Übersetzung nach G. SAUER, Jesus Sirach (JSHRZ III/5; Gütersloh 1981) 520.

46 Übersetzung nach D. GEORGI, Weisheit Salomos (JSHRZ III/4; Gütersloh 1980) 421-422.

47 Die in diesem Aufsatz vorgetragene Kohelet-Interpretation verdankt am meisten den Einsichten von H.-P. MÜLLER (außer den schon genannten Beiträgen vgl. "Wie sprach Qohälät von Gott?", VT 18 [1968] 507-521; "Der unheimliche Gast", ZTK 84 [1987] 440-464 = Mensch, 169-193). Deshalb sei ihm als meinem ersten alttestamentlichen Lehrer dieser Beitrag ohne viele Worte in Dankbarkeit gewidmet.