| Markus ZEHNDER | Biblica 79 (1998) 153-179 |
Exegetische Beobachtungen zu den David-Jonathan-Geschichten
I. Das Problem
Biblischen Texten, die sich vermeintlich oder tatsächlich auf das Thema "Homosexualität" beziehen lassen, ist in den letzten Jahren erhöhte Aufmerksamkeit geschenkt worden. Ohne Zweifel hängt diese Aufmerksamkeit mit der prominenten Stellung des Themas zusammen, die ihm in der innerkirchlichen und gesamtgesellschaftlichen Diskussion zukommt.
Die David-Jonathan-Geschichten stellen unter den erwähnten Texten insofern eine Besonderheit dar, als ihr Bezug zum Thema "Homosexualität" durchaus umstritten ist. Zu denjenigen, die in neuerer Zeit innerhalb des deutschen Sprachraums das Vorhandensein eines solchen Bezuges vielleicht am pointiertesten behauptet haben, gehören S. Schroer und T. Staubli. In ihrem Beitrag "Saul, David und Jonathan eine Dreiecksgeschichte?" 1 versuchen sie darzulegen, dass es sich bei der Beziehung zwischen Jonathan und David um eine homosexuelle Beziehung handle 2. Begründet wird diese Deutung der Beschreibung der Beziehung zwischen den beiden Männern insbesondere mit den folgenden Hinweisen:
In 1 Sam 18,1-3 findet sich die Bemerkung, dass Jonathan die #$pn Davids lieb gewann wie seine eigene #$pn
(w#$pnk Ntnwhy wbh)yw). Die hier verwendeten Formulierungen sind auffällig parallel zu denjenigen, mit denen in Hld 1,7 und 3,1-4 die Zuneigung der Frau zu ihrem Geliebten beschrieben wird.
In 1 Sam 19,1 findet sich im Blick auf die Zuneigung Jonathans zu David die Wendung b Cpx ("Gefallen finden an"):
d)m dwdb Cpx lw)#$-Nb Ntnhyw
In anderen Zusammenhängen (Gen 34,19; Dtn 21,14) bezieht sich diese Wendung auf das mit sexuellen Konnotationen verbundene Begehren des Mannes gegenüber der Frau.
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- In 1 Sam 20,11 fordert
Jonathan David auf, aufs Feld hinauszugehen; die Formulierung, die hier verwendet wird
hd#&h )cnw hkl, findet sich fast wörtlich in
Hld 7,12 im
Zusammenhang einer entsprechenden Aufforderung der Frau an ihren Geliebten wieder.
- In 1 Sam 20,41 heisst es, dass Jonathan und
David sich küssten (h(r-t) #$y) wk#$yw).
- In 1 Sam 20,17.42 finden sich Hinweise auf
das Schwören; vom Schwören ist aber ebenfalls in Hld 2,7 und 8,4 die Rede.
- In 2 Sam 1,26 schliesslich ist nicht nur die
Aussage überliefert, dass Jonathans Liebe für David "wunderbarer" war als
Frauenliebe, sondern auch, dass Jonathan ihm sehr "hold" war d)m yl tm(n.
Wiederum bestehen Parallelen zu Hld: In Hld 1,16 und 7,7 begegnet die Wurzel
M(n, bezogen im ersten Fall auf den Geliebten und im zweiten auf die Geliebte.Sind die von S. Schroer und T. Staubli gesammelten Hinweise tatsächlich stark genug, um die Vermutung, dass es sich bei der Beziehung zwischen Jonathan und David um eine homosexuelle Beziehung handelt, bestätigen zu können eine Vermutung, die sich gegen einen jahrtausendelangen exegetischen Konsens wendet? Beantworten lässt sich diese Frage nur, indem die genannten Argumente einzeln untersucht werden und indem geprüft wird, ob weitere, von S. Schroer und T. Staubli nicht genannte exegetische Beobachtungen zur Klärung des Verständnisses der im Blickfeld stehenden Texte beitragen können 3.
II. Die semantische Ebene
Zu den von S. Schroer und T. Staubli aufgelisteten Argumenten lässt sich folgendes sagen:
a) In 1 Sam 18,3 und 20,17 sowie in 2 Sam 1,26 ist von der
hbh) ("Liebe") Jonathans zu David die Rede; dieselbe Wurzel begegnet als Verb (bh) "lieben") in 1 Sam 18,1 und 20,17. Zum Substantiv hbh) ist folgendes festzuhalten: hbh) begegnet insgesamt 53mal im Alten Testament, davon 11mal im Hohenlied. Ausserhalb des Hohenliedes liegt das Schwergewicht der Verwendung in der
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Bezeichnung des Verhältnisses Jhwh-Israel 4. Als Bezeichnung für eine intime zwischenmenschliche Beziehung wird das Substantiv ausserhalb des Hohenliedes nur an drei Stellen gebraucht 5. An keiner der 14 Stellen, an denen
hbh) auf eine intime Beziehung referiert, steht eine homosexuelle Beziehung im Blick. Dass dort, wo hbh) auf eine zwischenmenschliche Beziehung referiert, die Komponente der Intimität durchaus abwesend sein kann, zeigen die Belege in 2 Sam 19,7; 1 Kön 11,2 und Ps 109,4.5. Die Verwendung von hbh) allein kann also die Implikation einer sexuellen oder gar einer homosexuellen Bedeutungskomponente nicht wahrscheinlich machen. Im Gegenteil legt die Häufigkeit der Beziehung der hbh) auf das Verhältnis Jhwh-Volk die Frage nahe, ob die dreifache Verwendung des Substantivs im Zusammenhang der Beziehung Jonathans zu David die hbh) Jonathans nicht im weitesten Sinne als eine Art Abbild zur Liebe des Volkes zu Jhwh bzw. Jhwhs zu seinem Volk oder als Auswirkung der Liebe Jhwhs 6 oder als ihr Werkzeug zu verstehen sein könnte, ob also der Liebe Jonathans über die bloss zwischenmenschliche Dimension hinaus eine theologische Dimension eignet. Falls diese Frage im positiven Sinne zu beantworten sein sollte, wäre die Annahme, dass hier eine Anspielung auf eine homosexuelle Beziehung vorliegt, noch zusätzlich erschwert, da eine explizite theologische Bejahung der Homosexualität sich im Alten Testament nicht findet, sondern im Gegenteil die Rede von der hbh) zwischen Jhwh und dem Volk auf den Bund verweist, zu dessen Satzungen der Schutz der Ehe als des einzigen möglichen Ortes intimer Beziehungen grundlegend gehört 7. Im Blick auf die Formulierung in 2 Sam 1,26, wonach die hbh) Jonathans für David "wunderbarer" gewesen sei als die My#$n tbh), ist zu bemerken, dass es sich hier um poetische Redeweise handelt. Der Vergleich zwischen den beiden Arten der hbh) muss also nicht im wörtlichen, womöglich gar erotischen, Sinn gemeint sein, sondern es ist durchaus mit dichterischer Übertreibung oder
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Ausschmückung zu rechnen 8. Zudem kann nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden, dass die M
y#$n tbh) nicht etwa auch die Liebe der Mutter zu ihren Kindern meint 9. Wenn aber mit dem Terminus My#$n tbh) auch auf diese Art von Liebe referiert wird, ist die Annahme des Vorhandenseins einer erotischen Komponente in diesem Ausdruck nicht zwingend; um so weniger besteht dann noch Anlass, die damit in eine Komparationsrelation gesetzte hbh) zwischen David und Jonathan in einem erotischen Sinn zu verstehen.b) Auch in bezug auf das Verb
bh) ist der Befund komplexer, als es ein auf die Belege in 1 Sam 18,1 und 20,17 begrenzter Augenschein erwarten lässt. Im ganzen Alten Testament lässt sich hbh) 141mal belegen. Von diesen 141 Belegen entfallen 81 auf Beziehungen zwischen Mensch und Gott oder zwischen Mensch und Mensch, wobei die zwischenmenschlichen Beziehungen mit 54 Belegen überwiegen. Von diesen 54 wiederum referieren 30 auf Beziehungen, bei denen eine sexuelle Komponente impliziert ist oder wenigstens nicht ausgeschlossen werden kann 10. Zu vermerken ist, dass es sich bei allen diesen Belegen 11 um Belege handelt, die auf Beziehungen zwischen einem Mann und einer Frau, nie zwischen Personen des gleichen Geschlechts, Bezug nehmen. Rein quantitativ ist also die Erwartung, dass mit bh) in 1 Sam 18,1 und 20,17 eine die sexuelle Komponente einschliessende Beziehung gemeint sein kann, ohne weiteres möglich, aber keineswegs zwingend; dagegen lässt die Beobachtung, dass an all den Stellen, an denen bh) eine sexuelle Komponente einschliesst oder einschliessen kann, nur Mann-Frau-Beziehungen im Blick stehen, die Erwartung, dass auch
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in 1 Sam 18,1 und 20,17 eine sexuelle Komponente impliziert sein könnte, als sehr unwahrscheinlich erscheinen 12. Eine weitere Beobachtung kommt hinzu: Im näheren literarischen Umfeld der Belege 1 Sam 18,1 und 20,17 wird das Verb
bh) in Zusammenhängen verwendet, die eine erotische Implikation ausschliessen: In 1 Sam 16,21 ist das Subjekt des auf David gerichteten "Liebens" Saul, in 1 Sam 18,16 ist es "ganz Israel und Juda". Die zuletzt genannte Stelle ist von besonderem Interesse, weil sie nicht nur die erotische Dimension ausschliesst, sondern deutlich eine politische Dimension einschliesst. Es scheint, dass eine solche Dimension zusätzlich zur emotionalen auch in der Verwendung von bh) mit Bezug auf das Verhältnis Jonathans zu David vorliegt, wobei es konkret darum geht, dass Jonathan die Thronanwartschaft Davids unterstützt. Dass dies der Fall ist, wird an mehreren Stellen explizit hervorgehoben: 1 Sam 18,4 (Übergabe königlicher Insignien) 13; 20,13 (Parallelisierung des Mitseins Jhwhs mit Saul einerseits und David andererseits); 23,17 ("du wirst König werden über Israel, und ich werde der zweite nach dir sein") 14. Diese Beobachtungen legen es nahe, in der Deutung von bh) einerseits jede sexuelle Komponente auszuschliessen und andererseits das Element der politischen Unterstützung Davids durch Jonathan einzuschliessen. Unterstützt wird diese Deutung durch die Struktur des Satzes 1 Sam 18,1; denn strukturell steht bh) in Parallele zu r#$k, einem Verb, das dort, wo es zur Beschreibung menschlicher Beziehungen verwendet wird, in der Regel im politischen Sinn verwendet wird 15. In dieselbe Richtung weist schliesslich die Verwendung des Nomens bh')o ("Freund") im literarischen Umfeld der David-Jonathan-Geschichte. bh')o begegnet zum einen in 2 Sam 19,7 und zum andern in 1 Kön 5,15. In 2 Sam 19,7 wird David von Joab vorgeworfen, dass er die hasst, die ihn lieben ( Kybh)). Aus dem Kontext ist deutlich, dass diese "Liebe", auf die hier mit bh')o referiert wird, im politischen Sinn zu verstehen ist, als treue Gefolgschaft der Untergebenen gegenüber
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dem König. In 1 Kön 5,15 bezieht sich
bh')o auf das Verhältnis Hirams zu David. Auch hier ist deutlich, dass die "Liebe", auf die mit bh')o hingewiesen wird, im politischen Sinn zu verstehen ist, in diesem Fall als Bundestreue zwischen den Regenten zweier benachbarter Staaten 16. Nun bleibt allerdings der Hinweis von S. Schroer und T. Staubli, dass die in 1 Sam 18,1 sich findende Formulierung w#$pnk Ntnwhy wbh)yw parallel zu Formulierungen in Hld 1,7 und 3,1-4 sei. Eine genauere Analyse ergibt, dass die Parallelität sich auf die syntagmatische Verbindung von bh) und #$pn beschränkt, dass dagegen die syntaktische Beziehung der beiden Wörter stark differiert. In 1 Sam 18,1 (und ähnlich V. 3) wird #$pn durch die Präposition Kaph mit bh) verbunden; #$pn fungiert hier grammatikalisch als Element einer syntaktisch fakultativen Umstandsbeschreibung in der Form einer Komparationsbestimmung. In Hld 1,7 und 3,1-4 dagegen fungiert #$pn als Subjekt zu bh). Weiter sind die Formulierungen u.a. darin unterschieden, dass in 1 Sam 18,1 #$pn mit dem Suffix der dritten Person Singular, in Hld 1,7 und 3,1-4 mit dem Suffix der ersten Person Singular versehen ist. So bleibt als Parallele der Formulierung nur der Umstand der syntagmatischen Nähe des Verbs bh) und des Nomens #$pn; eine solche Beziehung findet sich aber auch in Ps 11,5 (#$pn als Subjekt, bh) als Element des direkten Objekts) und Spr 19,8 (#$pn als Objekt zu bh)). Da die Formulierungen in 1 Sam 18,1(3) einerseits und Hld 1,7 und 3,1-4 andererseits nur in wenigen Aspekten parallel sind und da diese Aspekte auch an anderen Stellen auftauchen, sind sie nicht als zwingender Beleg für eine direkte Abhängigkeit der Samuelstelle(n) von den Vergleichstexten im Hohenlied zu benutzen. Wichtig ist ferner, dass sich Parallelen in der Formulierung nicht nur zwischen 1 Sam 18,1(3) und den erwähnten Stellen finden lassen, sondern auch zwischen 1 Sam 18,1(3) und Lev 19,18: In beiden Fällen wird bh) mit der Präposition Kaph verbunden, die in beiden Fällen die Komparationsangabe einleitet (den x lieben wie [ak%.]den y). Parallel ist auch, dass diese Komparationsangabe auf das Subjekt des Liebens zurückverweist; der Unterschied liegt nur darin, dass im einen Fall
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das Subjekt mit
#$pn, im anderen bloss mit dem Personalsuffix angezeigt wird. Damit ist aber deutlich, dass sachlich Lev 19,18 und 1 Sam 18,1(3) eng aufeinander bezogen sind; die unterschiedlichen Formulierungen können dagegen als stilistische Varianten gelten. Die Beziehung zwischen Lev 19,18 und 1 Sam 18,1(3) macht eine die erotische Komponente inkludierende Interpretation von bh) in 1 Sam 18 zusätzlich unwahrscheinlich. Von Gewicht ist hier auch der Umstand, dass in einem Vertrag Asarhaddons die Vasallen Assurbanipals aufgefordert werden, ihn zu lieben wie sich selber 17. Diese Parallele weist die Formulierung in 1 Sam 18,1(3) wiederum dem politischen Bereich zu 18.c) Zu der in 1 Sam 19,1 belegten Wurzel
Cpx ist folgendes zu bemerken: Das Verb Cpx "Gefallen haben" ist im Alten Testament 71mal belegt, das Adjektiv Cp'xf "Gefallen habend" 12mal und das Substantiv Cpex' "Gefallen; Wunsch; Ziel; Vorhaben; Sache" 38mal; das ergibt ein Total von 121 Belegen der Wurzel Cpx. Kein einziger der Belege von Cp'xf und Cpex' weist eine dem erotischen Bereich zugehörige Konnotation auf. Beim Verb sind es von den 71 genau sechs Belege, die auf einen erotischen Bedeutungsaspekt der Wurzel hinweisen; von diesen sechs finden sich drei im Hohenlied 19. Statistisch gesehen ist also die Wahrscheinlichkeit, bei der Wurzel Cpx mit einer erotischen Konnotation rechnen zu müssen, gering. Hinzu kommt, dass an allen Stellen, an denen zweifelsfrei auf eine erotische Komponente zu schliessen ist, es immer um Mann-Frau-Beziehungen geht. Schliesslich ist darauf hinzuweisen, dass das Verb Cpx in Zusammenhängen verwendet wird, die zum Verständnis der Verwendung in 1 Sam 19,1 beitragen können: In unmittelbarer
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Nachbarschaft zum Beleg in 1 Sam 19,1 wird das Verb
Cpx mit Bezug auf die Beziehung von Saul gegenüber David gebraucht (1 Sam 18,22). Da diese Beziehung generell kaum als homosexuelle Liebesbeziehung gewertet werden kann und da der Umstand, dass die Beziehung Sauls zu David von Saul quasi "öffentlich", nämlich gegenüber seinen Dienern, mit der Wurzel Cpx umschrieben wird, es vollends unmöglich macht, dass hier ein Hinweis auf eine homosexuelle Beziehung herausgelesen werden kann 20, ist nicht damit zu rechnen, dass der nur einige Verse später folgende nächste Beleg des Verbs plötzlich eine ganz andere semantische Qualität haben und als Hinweis auf eine homosexuelle Beziehung interpretiert werden sollte. Weiter fällt auf, dass ebenfalls in einer relativen Nähe zu 1 Sam 19,1 eine Verwendung des Verbs Cpx auftaucht, die eine deutlich politische Konnotation aufweist: In 2 Sam 20,11 wird mit Cpx die politische bzw. militärische Gefolgschaft gegenüber Joab und damit auch gegenüber David ausgedrückt. Es erscheint keineswegs unmöglich, dass eine solche auf den politischen Bereich bezogene Bedeutungskomponente auch im "Gefallen" Jonathans an David mitschwingt. Das würde zur übrigen Darstellung der Beziehung zwischen David und Jonathan gut passen; denn die Episode, die in 1 Sam 20,13-17 überliefert wird, lässt sich nicht anders denn als Verzicht Jonathans auf eigene Thronprätentionen und auf die Unterstützung des Thronanspruches Davids verstehen. Schliesslich drängt sich noch eine letzte Beobachtung im Zusammenhang mit dem Verb Cpx auf 21: Im Kontext der David- und Salomogeschichten ist an mehreren Stellen davon die Rede, dass Jhwh an David und Salomo "Gefallen hatte" (Cpx) 22. Vor diesem Hintergrund ist zu erwägen, inwiefern das "Gefallen" Jonathans an David mit dem "Gefallen" Jhwhs an David zusammenhängt. Soll das "Gefallen" Jonathans als Auswirkung des "Gefallens" Jhwhs auf der
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menschlichen Ebene verstanden werden? Vielleicht darf der angedeutete Zusammenhang noch konkreter verstanden werden: Das "Gefallen" Jhwhs an David wirkt sich im politischen Erfolg Davids aus; das "Gefallen" Jonathans an David ist ein Mittel, mit dem Jhwhs "Gefallen" zum Ziel kommt. Damit ist impliziert, dass das "Gefallen" Jonathans an David dem Willen Jhwhs entspricht, ja letztlich auf Jhwh selber zurückzuführen ist. Denkbar wäre auch, das "Gefallen" Jonathans als Entsprechung zum göttlichen "Gefallen" zu verstehen: Davids Weg wird dadurch geebnet, dass ihm sowohl von göttlicher als auch von menschlicher Seite die nötige Unterstützung zuteil wird, womit der im Namen Davids enthaltene Hinweis auf seine "Geliebt-heit" konkret bestätigt wird 23. Wie man den Zusammenhang zwischen dem "Gefallen" Jhwhs und dem "Gefallen" Jonathans auch genauer aufzufassen hat, deutlich ist, dass der Konnex eine Deutung von
Cpx in 1 Sam 19,1 als Hinweis auf eine homosexuelle Beziehung unwahrscheinlich macht; denn dafür, dass im Rahmen des Alten Testaments Jhwh selber eine günstige Bewertung solcher Beziehungen direkt zugeschrieben werden kann, fehlt jeder positive Hinweis.d) Was die Formulierung in 1 Sam 20,11ab angeht
(
hd#&h )cnw hkl), so ist zuzugeben, dass sich die engste Parallele in Hld 7,12 findet. Es stellt sich aber die Frage, wieviel Gewicht der Verbindung dreier Wörter zuzumessen ist, die zum einen als Allerweltswörter anzusehen sind und die zum andern einen Vorgang beschreiben, der nicht anders denn als alltäglich beschrieben werden kann. Auch wenn im ganzen Alten Testament die Verbindunghd#&h )cnw hkl
(bzw. ohne waw, dafür mit Einschub von ydwd zwischen )cn und hkl in Hld 7,12) nur zweimal auftaucht, ist doch damit zu rechnen, dass der mit ihr beschriebene Vorgang unzählige Male vorkam und dass in der Alltagssprache eine mit der erwähnten Formulierung identische oder ihr sehr nahekommende geläufig gewesen sein muss. Beachtung verdient in diesem Zusammenhang, dass sich im Alten Testament nicht weniger als 19 Stellen nachweisen lassen, an denen hd#& wie in 1 Sam 20,11 und Hld 7,12 mit )cy oder Klh syntagmatisch verbunden ist 24. Weiter ist zu berücksichtigen, dass das Motiv des
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"Feldes" bereits in 1 Sam 19,3 vorliegt und also das Vorkommen von
hd#& in 1 Sam 20 als Wiederaufnahme dieses Motivs gedeutet werden kann. Zu fragen wäre auch, ob das Motiv des "Feldes" nicht einfach von der Sache her gefordert ist, weil das "Feld" einen Ort der Verborgenheit bezeichnet, der für die Beteiligten in der gegebenen Situation den einzig möglichen Rahmen bildet, an dem sie sich treffen können. Der Kontext der Erzählung legt jedenfalls die Annahme nahe, dass Jonathan und David diesen Ort nicht darum aufsuchen, weil sie sich ungestört ihrem Liebesverhältnis widmen wollen, sondern weil ein öffentliches Zusammentreffen aus politischen bzw. Sicherheitsgründen zu diesem Zeitpunkt nicht mehr möglich ist. Mit allen diesen Hinweisen soll die Möglichkeit, dass die Analogie in der Formulierung von 1 Sam 20,11 und Hld 7,12 auf eine textliche Abhängigkeit hinweisen könnte, keineswegs ausgeschlossen werden. Die Frage, welche Schlussfolgerungen aus einer solchen Abhängigkeit gezogen werden können, bedarf aber der besonderen Erörterung (s.u.). Dass eine mögliche textliche Abhängigkeit als unmittelbarer Hinweis darauf zu verstehen ist, dass die Beziehung zwischen David und Jonathan gleichermassen als erotisch zu beschreiben ist wie diejenigen zwischen der Frau und ihrem Geliebten im Hohenlied, liegt keineswegs so unmittelbar auf der Hand, wie das von S. Schroer und T. Staubli vorausgesetzt wird.e) In bezug auf das Verb
q#$n "küssen", das in 1 Sam 20,41 verwendet wird, ist zunächst festzuhalten, dass es im Hohenlied zwar belegt ist, aber nur zweimal 25; damit ist aber deutlich, dass sich durch die Verwendung des Verbs im Zusammenhang der David-Jonathan-Geschichte keine besondere Nähe zum Hohenlied ableiten lässt. Von den insgesamt 27 Belegen des Verbs, die von der Sache her relevant sind (qal und pi) 26, referieren nur drei auf Beziehungen, denen eindeutig eine erotische Komponente
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eignet
27. In allen drei Fällen handelt es sich dabei um Beziehungen zwischen einem Mann und einer Frau. In der überwältigenden Mehrzahl der Belege von q#$n wird das Verb im Kontext der Beziehung zwischen nahen Verwandten verwendet, in dem jede sexuelle Konnotation ausgeschlossen ist 28. In der Regel gehören die Beteiligten dabei dem gleichen Geschlecht an. Damit lässt sich festhalten: Die grösste Gruppe von Belegen des Verbs q#$n bezieht sich auf Fälle, in denen sich männliche Verwandte küssen, wobei die zwischen ihnen bestehende Verwandtschaftsbeziehung auch auf Heiraten zwischen den beteiligten Familien beruhen kann. Hinzu kommen diejenigen Fälle, in denen ebenfalls auf Küsse zwischen Männern referiert wird, die zwar nicht verwandt sind, bei denen aber der Kontext eindeutig klar macht, dass erotische Konnotationen auszuschliessen sind 29. Vor diesem Hintergrund muss es als die zunächstliegende Annahme angesehen werden, dass auch die Verwendung von q#$n im Zusammenhang der Beziehung zwischen David und Jonathan keine erotischen Konnotationen mit sich führt, dies um so mehr, als es sich auch bei der Beziehung zwischen David und Jonathan um eine durch die Heirat zwischen David und Michal zustande gekommene verwandtschaftliche Beziehung handelt 30. Weiter ist auffällig, dass der literarisch mit 1 Sam 20,41 am engsten in Beziehung stehende Beleg von q#$n in 1 Sam 10,1 eine politische Konnotation hat: Samuel küsst Saul in dem Moment, als er ihn im Auftrag Jhwhs zum dygn über Israel salbt. Von daher stellt sich die Frage, inwieweit nicht auch beim Beleg in 1 Sam 20,41 mit einer solchen politischen Komponente zu rechnen ist, um so mehr als hier ebenfalls ein Vorgang der Einsetzung ins Königsamt im Hintergrund steht. Von besonderem Gewicht ist ferner der Umstand, dass sich kein
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einziger Beleg beibringen lässt, in dem
q#$n eindeutig als Element der Beschreibung einer homosexuellen Beziehung dient und also eine entsprechende Deutung von 1 Sam 20,41 untermauern könnte.f) Als ausgesprochen überraschend muss der Hinweis auf das Verb
(b#$ "schwören" gewertet werden, das nach S. Schroer und T. Staubli auf eine Beziehung zwischen den David-Jonathan-Geschichten und dem Hohenlied hindeuten soll. Bevor solche Beziehungen erwogen werden, müsste berücksichtigt werden, dass das Verb (b#$ über 180mal im Alten Testament belegt ist, davon fünfmal im Hohenlied. Das bedeutet, dass die Belege im Hohenlied weniger als 3 % aller Belege von (b#$ ausmachen. Bei diesen Zahlenverhältnissen verbietet es sich, jedes Vorkommen von (b#$ als Hinweis auf eine Beziehung zum Hohenlied zu interpretieren. Zwar ist zuzugeben, dass die Zahlenverhältnisse anders aussehen, wenn die Stammform berücksichtigt wird: Die in 1 Sam 20,17 belegte Hif'il-Form des Verbs kommt auch in allen fünf Belegen im Hohenlied vor und ist insgesamt nur 29mal belegt. Dennoch verbieten sich auch von diesem Befund her vorschnelle Rückschlüsse, da zum einen die Formulierungen, in denen das Verb (b#$ im Hohenlied auftaucht, von der Formulierung in 1 Sam 20,17 stark abweichen und da zum anderen an den zwei weiteren Belegstellen des Verbs (b#$ innerhalb der David-Jonathan-Geschichten (1 Sam 20,3.42) nicht die Hif'il-Form, sondern die häufigere Nif'al-Form verwendet wird. Beachtung verdient weiter, dass in keinem der 26 Belege 31 von (b#$ im literarischen Kontext der David-Jonathan-Geschichten - i.e. in den Samuel- und Königebüchern - das Verb in einer Weise verwendet wird, die das Schwören als Bekräftigung eines Liebesverhältnisses verstehen liesse. Vielmehr geht es in der Regel beim Inhalt des Schwurs um Dinge, die dem politischen Bereich zugehören. Als grösste Einzelgruppe lassen sich diejenigen Schwüre nennen, bei denen es um die Zusage geht, dass das Leben eines bestimmten Menschen oder einer Menschengruppe im Zusammenhang mit politischen Umwälzungen nicht angetastet werden soll 32. Die zweitwichtigste
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Gruppe sind diejenigen Schwüre, bei denen einer bestimmten Person das Thronfolgerecht zugesichert wird 33. Dieser in doppelter Hinsicht umschriebene Bezugshorizont bildet den Rahmen, innerhalb dessen die Schwüre in 1 Sam 20 eingebettet sind; und tatsächlich lässt sich feststellen, dass dieser doppelte politische Bezug auf die Vorgänge zwischen Jonathan und David in 1 Sam 20 ohne weiteres anwendbar ist. Dies um so mehr, als sowohl die Zusage der Verschonung des Lebens als auch die Zusage der Thronübernahme im literarischen Kontext der David-Jonathan-Geschichten mit explizitem Bezug auf David begegnen. Weiter ist dem Umstand Rechnung zu tragen, dass das Schwören zu den integralen Bestandteilen altorientalischer Vertragsschliessungen gehört 34. Von diesem Bezug her ist damit zu rechnen, dass auch die Verwendung von
(b#$ auf das Vorhandensein eines gewichtigen politischen Aspektes in der Beziehung Jonathans zu David hinweist.g) Auch eine Untersuchung der Wurzel M
(n, die in 2 Sam 1,23 und 26 belegt ist, führt zu komplexeren Resultaten, als es die Ausführungen von S. Schroer und T. Staubli nahelegen. Das Adjektiv My(na "angenehm, lieblich" ist 11mal belegt, das Verb M(n "angenehm/lieblich sein" 8mal und das Substantiv M(ano "Annehmlichkeit; Freundlichkeit, Huld" 7mal; zusammengezählt ergibt das 26 Stellen. Von diesen 26 finden sich nur zwei im Hohenlied 35. Damit ist deutlich, dass die Wurzel M(n nicht als Charakteristikum der Sprache des Hohenliedes angesehen werden kann; es besteht darum auch kein Anlass, vom Vorkommen dieser Wurzel in 2 Sam 1 unmittelbar auf einen Konnex mit dem Hohenlied zu schliessen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang eine weitere Beobachtung: Klammert man die beiden Belege in 2 Sam 1 einmal aus, findet sich ausser im Hohenlied keine einzige Stelle, an der die Wurzel M(n in einem Bezug zu einer erotischen Beziehung steht. Von daher nötigt nichts zur Annahme, dass ein solcher Bezug in 2 Sam 1 vorliegen müsste.
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Unter den von S. Schroer und T. Staubli nicht genannten exegetischen Beobachtungen sind die folgenden zu nennen:
a) In 1 Sam 18,1 findet sich die Notiz, dass die
#$pn Jonathans sich bindet oder gebunden wird (r#$q ni) an die #$pn Davids. Der Wurzel r#$q kommt eine besondere Bedeutung zu, da mit ihr die erste Beschreibung des Verhältnisses Jonathans zu David vorgenommen wird. Nun ist folgende Beobachtung auffällig: Von den insgesamt 44 Belegen der verschiedenen Stammformen des Verbs r#$q entfallen 27 auf zwischenmenschliche Beziehungen; von diesen 27 Belegen aber, zu denen auch der Beleg in 1 Sam 18,1 zu zählen ist, beschreiben 25 ein politisches Zusammenspannen zweier Parteien; nur in einem Fall 36 wird r#$q zur Bezeichnung einer tiefen inneren Beziehung verwendet, wobei es dabei um eine Vater-Sohn-Beziehung geht. Nun kann zwar nicht ausgeschlossen werden, dass auch in bezug auf das Verhältnis Jonathans zu David mit r#$q auf eine solche emotionale Bindung hingewiesen wird; dafür, dass auch eine erotische Komponente eingeschlossen ist, lässt sich aber kein einziger Beleg von r#$q beiziehen. Wenn also auch eine emotionale Konnotation nicht auszuschliessen ist, so dürfte ihr aufgrund der gängigen Verwendung von r#$q doch kein grosses Gewicht zukommen; im Vordergrund steht vielmehr die politische Konnotation, die allein im literarischen Kontext von 1 Sam 18,1 - i.e. in den Samuel- und Königebüchern - belegt ist 37. Insbesondere ist dabei auf die Verwendungen der Wurzel in 1 Sam 22,8.13 hinzuweisen, da sich diese innerhalb des Rahmens der Saul-David-Geschichten befinden; bei beiden Belegen ist die politische Konnotation unzweifelhaft dominant.b) Nicht zu übersehen ist, dass die mit den Wurzeln
bh), Cpx und r#$q bezeichneten inneren Bewegungen in der Tendenz einseitig auf David hin ausgerichtet sind, wogegen der Aspekt der Gegenseitigkeit der Beziehung zwischen David und Jonathan stärker in den Hintergrund tritt. Auch diese Beobachtung unterstreicht die politische (und theologische) Dimension dieser Beziehung und lässt ihren emotionalen Aspekt zurücktreten. Das lässt aber ein Verständnis des Verhältnisses zwischen den beiden Protagonisten,
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das hier eine homosexuelle Beziehung vermutet, zusätzlich als unwahrscheinlich erscheinen.
c) In der ganzen David-Jonathan-Geschichte finden sich keine Belege derjenigen Verben, die im Zusammenhang von eindeutig sexuellen Beziehungen regelmässig vorkommen, nämlich
bk#$ und (dy. In allen Texten, die zweifelsfrei von homosexuellen Aktivitäten sprechen 38, wird das eine oder andere der beiden Verben verwendet: (dy in Gen 19,5 und Ri 19,22, bk#$ in Lev 18,22 und 20,13. Dass gerade diejenigen Verben, die das Verhältnis Jonathans zu David eindeutig als ein die sexuelle Komponente einschliessendes Verhältnis kenntlich gemacht hätten, fehlen, darf bei der Deutung dieses Verhältnisses nicht unberücksichtigt bleiben 39. Dem Fehlen dieser Verben ist deshalb um so grösseres Gewicht beizumessen, weil es schlecht mit dem Versuch begründet werden kann, den wahren Charakter der Beziehung zu verhüllen, um David nicht in ein schlechtes Licht geraten zu lassen. Dass ein solcher Versuch vorliegen könnte, ist nicht wahrscheinlich, da auch sonst nicht versucht wird, in der damaligen Zeit negativ bewertete Verhaltensweisen wie seinen Ehebruch mit Batseba einschliesslich des anschliessenden Mordes an Uria zu verschleiern 40.
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III. Die narrative Ebene
a) Der literarische Kontext, in den die Beschreibungen des Verhältnisses zwischen Jonathan und David eingebettet sind, ist die Aufstiegsgeschichte Davids. Innerhalb dieses Erzählkomplexes bildet die Beziehung zwischen Jonathan und David eines von mehreren Elementen, die für den Aufstieg Davids zum Thron bedeutsam sind. Sowohl die "Liebe" Jonathans zu David als auch der "Bund" zwischen ihnen stellen jeweils nur ein Element in einem ganzen Geflecht ähnlicher Vorgänge dar, deren Einordnung in die alles umgreifende Teleologie deutlich ist. Die Geschichte wird von ihrem Ziel her, der Übernahme des Thrones durch David, erzählt, und alle Erfahrungen von Zuwendung gegenüber David und alle Bundesschlüsse mit David dienen der Erreichung dieses Ziels. Von dieser Gesamtbewegung darf die Beschreibung der Beziehung zwischen Jonathan und David nicht losgelöst werden, sondern es muss ihr der besondere Ort innerhalb der auf das - politische! - Ziel ausgerichteten narrativen Gesamtlinie zugewiesen werden. So folgt auf den Bundesschluss zwischen Jonathan und David (1 Sam 18,3; 23,18) ein Bundesschluss zwischen Abner und David (2 Sam 3,12f.) und schliesslich ein Bundesschluss zwischen den Ältesten Israels und David (2 Sam 5,3), durch den David die erste Etappe des Ziels, das Königtum über Juda, erreicht. Eine ähnliche Bewegung lässt sich mit Blick auf die David entgegengebrachte "Liebe" beobachten: Zunächst ist es Saul, dessen Beziehung zu David mit der Wurzel
bh) umschrieben wird (1 Sam 16,21); die nächste Stufe bildet die Liebe Jonathans zu David (1 Sam 18,3; 20,17), dann diejenige Michals (1 Sam 18,20[28]) 41, dann diejenige der Hofleute Sauls (1 Sam 18,22) und schliesslich diejenige des ganzen Volkes (1 Sam 18,16[28]).b) Dass die Beziehung Jonathans zu David neben den emotionalen starke politische Konnotationen mit sich trägt, wird einerseits aus der eben geschilderten Einordnung in die umfassendere "Liebes-Bewegung" hin zu David deutlich, andererseits aus dem
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engen Konnex mit der Bundesterminologie. Dass diese im politischen Sinn zu verstehen ist, wird wiederum aus ihrer Hinordnung auf das Ziel der Thronübernahme deutlich, aber auch aus den Parallelen, die sich zwischen den Bundesschlüssen Jonathans und Davids einerseits und hethitischen, syrischen und assyrischen Bundesdarstellungen andererseits feststellen lassen. So finden sich in hethitischen Bündnissen, die die Übernahme des Thrones durch einen Vasall vorsehen, Bestimmungen, die diese Thronnachfolge in den Rahmen einer Freundschaft einbinden
42. Genau diese Situation begegnet aber in 1 Sam 18,1-4 wieder. Vor diesem Hintergrund erscheint der in dieser Perikope erwähnte Bund als eine nahe Analogie zu einem hethitischen Vasallenabkommen, wobei der vorangegangene Sieg über Goliath es ist, der David in den Augen Jonathans zu einem würdigen möglichen Bundespartner gemacht hat. In 1 Sam 20 liegt an einigen Stellen eher eine Analogie zu Bundesschlüssen zwischen ebenbürtigen Partnern, an anderen eher eine Analogie zu Vasallenabkommen nahe: Analogien zu Bundesschlüssen zwischen gleichberechtigten Partnern liegen in V. 23 und 42 vor, wo der Aspekt der Gegenseitigkeit betont wird; dagegen weisen die Formulierungen in V. 8 ("dein Knecht") und 41 (Proskynese Davids) auf eine Unterordnung Davids unter Jonathan, V. 14-16 dagegen auf eine Unterordnung Jonathans unter David. Der einseitige Schwur Jonathans, von dem in V. 17 berichtet wird, weist Jonathan möglicherweise ebenfalls eine untergeordnete Stellung zu 43. Eine weitere Parallele zu altorientalischen Bundesschlüssen, in denen regelmässig Götter als Zeugen genannt werden 44, liegt im Hinweis auf Jhwh als Zeuge des Abkommens (V. 8.12.23.42). Beim Bundesschluss in 1 Sam 23,16-18, der von der künftigen Königsstellung Davids ausgeht, liegt wieder eine Analogie zu hethitischen und assyrischen Thronnachfolgeverträgen vor 45; wie in 1 Sam 20 wird wieder Jhwh als Bundeszeuge aufgeführt. Zudem finden sich weitere Elemente innerhalb der Erzählung, die darauf
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hinweisen, dass der Beziehung zwischen Jonathan und David eine politische Dimension eignet. Zu diesen Elementen gehört die Übergabe von Mantel und Rüstung, Schwert, Bogen und Gürtel, von der in 1 Sam 18,4 berichtet wird. Dass es hier nicht einfach um ein Freundschaftszeichen in dem Sinn geht, dass der Geber anzeigt, wie sehr er dem Empfänger sich selber geben möchte, sondern um einen Akt mit politischen Implikationen, zeigt etwa der Vergleich mit 2 Kön 11,10
46. Weiter ist darauf hinzuweisen, dass in den Begegnungen zwischen Jonathan und David, von denen in 1 Sam 20 und 23 die Rede ist, politische Themen eine wesentliche Rolle spielen. Nicht um Liebeständeleien geht es in 1 Sam 20, sondern um den Schutz Davids vor der politischen Verfolgung durch Saul. Und die wesentlichen Worte, die in diesem Gespräch gewechselt werden, weisen weit über eine rein persönliche Beziehung hinaus: Mit dem Wunsch Jonathans, dass Jhwh mit David sein möge, wie er mit seinem Vater gewesen ist (V. 13), wird auf die Übernahme des Königtums durch David Bezug genommen. In V. 14-16 wird ebenfalls die Situation vorausgesetzt, dass David als Nachfolger Sauls das Königsamt innehat. Auf die politische Dimension der Beziehung weist weiter die Proskynese Davids vor Jonathan, von der in V. 41 berichtet wird. Ebenso weist die Ausdehnung des Geltungsbereichs der Bundes auf die Nachkommen Davids und Jonathans auf eine Dimension der Beziehung, die über die persönliche Ebene hinausragt. Die in 1 Sam 23 berichtete Begegnung zwischen Jonathan und David hat ihren Skopus in der politischen Weissagung Jonathans, dass David und nicht er selber König über Israel sein werde (V. 17). In diesem Kapitel verschwindet der persönlich-emotionale Aspekt der Beziehung ganz.c) Insgesamt dürfte die Art der politischen Ebene der Beziehung zwischen Jonathan und David so zu umschreiben sein, dass Jonathan die Rolle des Übermittlers des Königtums von Saul an David zukommt, womit die Rechtmässigkeit der Thronübernahme durch David unterstrichen wird
47. Das wird bereits in der
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Perikope 1 Sam 18,1-4 deutlich: Die Übergabe von Mantel und Rüstung, Schwert, Bogen und Gürtel dürfte zu verstehen sein als symbolischer Hinweis auf die Übergabe des Königtums an David 48. Jonathan fungiert hier nicht nur als der deutlich Höhergestellte, indem er es ist, der die genannten Gegenstände überreicht, ohne dass David etwas Vergleichbares zurückgeben könnte, und indem die vorangehende Bundesschliessung eine Bundes-Gewährung Jonathans an David darstellt, sondern Jonathan wird zugleich in gewisser Weise mit dem Inhaber des Königsamtes identifiziert, indem das Überreichen von Rüstung, Schwert, Bogen und Gürtel an die vorangehende Übergabe von Helm, Panzer und Schwert Sauls an David erinnert (1 Sam 17,38f.). Auch aus 1 Sam 15,27f. geht hervor, dass insbesondere der Mantel (ly(m) symbolisch für das Königtum stehen kann. Die in 1 Sam 18,1-4 greifbare Erhöhung Jonathans auf die Stufe des Königs wird bereits in den vorangehenden Erzählungen vorbereitet: In 1 Sam 14,14f. wird deutlich, dass Jhwh auf der Seite Jonathans steht, wie er ehedem auf der Seite Sauls stand, und in 1 Sam 14,45 wird deutlich, dass auch das Volk auf der Seite Jonathans steht; in 1 Sam 13,22 und 14,21 schliesslich wird Jonathan als eine Art Ko-Regent neben Saul erwähnt. Die Erhöhung Jonathans auf die Stufe des Königs erfolgt also zum einen als Ergänzung Sauls bzw. Identifikation mit ihm, zum anderen als Ersetzung Sauls 49. Indem Jonathan in dieser doppelten Weise als auf der Stufe des Königsamtes stehend dargestellt wird, ist es möglich, dass er seine Rolle als Übermittler dieses Amtes von Saul an David wahrnimmt. Diese Übermittlung erfolgt wiederum durch die doppelte Bewegung von Identifikation mit David einerseits und Ersetzung andererseits, wobei anders als im Falle des Verhältnisses zu Saul Jonathan seinen Freund nicht
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ersetzt, sondern sich von ihm ersetzen lässt. Im Blick auf 1 Sam 18,1-4 lässt sich die Identifizierung in der Phrase
w#$pnk Ntnwhy wbh)yw feststellen, die Ersetzung im Vorgang der Übergabe von Kleidung und Waffen. Auffällig ist, dass beide Akte von Saul unmittelbar anschliessend bestätigt werden und damit der so dargestellte politische Vorgang zusätzliche Legitimität gewinnt 50.In 1 Sam 20,1-10 ist Jonathan wiederum der in der Rolle des Ko-Regenten Stehende, der als solcher zugleich - wie in 1 Sam 18,1-4 - der Gewährende ist, während David zunächst der Bittende ist. Zugleich findet eine Identifizierung von David mit Jonathan statt, indem seine gefährliche Lage derjenigen Jonathans in 1 Sam 14, in die er aufgrund der Übertretung des Enthaltungsgebotes geriet, in gewisser Weise entspricht. Im folgenden Abschnitt 1 Sam 20,11-17 wird dann der Übergang von der Identifikation Davids mit Jonathan zur Ersetzung Jonathans durch David vollzogen: David wird als der zukünftige König dargestellt, dem gegenüber Jonathan nun als der Bittende erscheint. Indem Jonathan jene Art von Mitsein Jhwhs, die bisher Saul gegolten hat, David zuspricht, verzichtet der für die Nachfolge Sauls vorgesehene Sohn implizit auf die eigene Thronfolge und anerkennt die Legitimität des Übergangs der Königswürde an David (V. 13). Möglicherweise ist bereits die in V. 4 ausgedrückte Bereitschaft Jonathans, David jede Bitte zu gewähren, als indirekter Hinweis auf die Übertragung des Thronnachfolgerechts auf David zu verstehen
51. In V. 14-16 behandelt dann Jonathan David deutlich bereits wie den zukünftigen König. Diese Linie findet ihre Fortsetzung in 1 Sam 23,16-18, wobei in diesem Abschnitt ein wesentliches neues Element hinzukommt: Jonathan gibt zu verstehen, dass er weiss, dass der Übergang der Thronnachfolge von ihm auf David dem Willen Jhwhs entspricht 52. Das bedeutet aber, dass die Zuwendung Jonathans zu David nicht nur in freundschaftlichen Regungen, die ganz der emotionalen Ebene zuzurechnen sind, begründet ist, sondern auch im Wissen um den Plan Jhwhs. Die Beziehung Jonathans zu David ist in diesem Sinne also auch theologisch motiviert. Das bedeutet aber, dass eine
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Deutung der Beziehung als homosexuelle Beziehung dem textlichen Befund nicht gerecht wird
53.d) Aus der Sicht des Erzählers der Aufstiegsgeschichte Davids, in die die Berichte über die Beziehung Jonathans zu David eingebettet sind, ist der Aufstieg Davids letztlich eine von Jhwh geleitete Bewegung. Das wird etwa daran sichtbar, dass bereits am Beginn des Weges vom Erzähler deutlich gemacht wird, dass David der von Jhwh erwählte Nachfolger Sauls ist (1 Sam 16,1.12f.), und weiter daran, dass festgestellt wird, dass Jhwh mit David ist, während er von Saul gewichen ist (1 Sam 18,12.14); zudem wird an der Stelle, an der David am Ziel angekommen ist, indem er das Königtum über ganz Israel erlangt und Jerusalem erobert hat, wiederum festgehalten, dass Jhwh mit ihm ist (2 Sam 5,10) und dass Jhwh selber es ist, der ihn als König über Israel bestätigt und sein Königtum emporgebracht hat (1 Sam 5,12). Diese Hinweise des Erzählers zeigen, dass der Aufstieg Davids theologisch interpretiert und als Ergebnis des Eingreifens Jhwhs zugunsten Davids verstanden wird. Vor diesem Hintergrund wäre es schwer verständlich, wenn der Erzähler Hinweise auf eine mögliche homosexuelle Beziehung Davids in seinen Berichten eingeführt oder stehen gelassen hätte, da keine Phase in der Geschichte der offiziellen Jhwh-Religion - der offensichtlich auch der Erzähler und seine intendierten Leser angehören - greifbar wird, in der homosexuelle Beziehungen als nicht anstössig empfunden worden wären
54. Aus demselben Grund muss auch die mehrfache
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Betonung, dass die Beziehung zwischen Jonathan und David von Bundesschlüssen oder Schwüren begleitet war, die vor Jhwh geschlossen respektive abgelegt wurden
55, als mit der Annahme eines homosexuellen Charakters dieser Beziehung inkompatibel angesehen werden. Wie sollte es möglich sein, dass ausgerechnet Jhwh zum Zeugen und Garanten eines Bundes gemacht wird, wenn dieser Bund mit einer Art von sexueller Beziehung verbunden wäre, für deren Bejahung jedes positive Zeugnis innerhalb der Jhwh-Religion fehlt, für deren Ablehnung aber - wenn auch in der Datierung umstrittene - Zeugnisse vorliegen? Eine solche Annahme wäre weder im Blick auf den Erzähler bzw. die innere Konsistenz der Erzählung noch im Blick auf die tatsächlichen historischen Gegebenheiten, die hinter der Erzählung stehen, plausibel.
IV. Der kanonische Rahmen
a) In der Regel wird davon ausgegangen, dass die auf homosexuelles Verhalten Bezug nehmenden Gesetzesbestimmungen in Lev 18,22 und 20,13 zur Zeit Davids bzw. der Abfassung oder Redaktion der Aufstiegsgeschichte Davids noch nicht in Geltung standen. Aufgrund dieser Annahme wird gefolgert, dass das Verhalten Jonathans und Davids nicht an den Gesetzesbestimmungen des Buches Lev gemessen werden könne
56. Aber auch dann, wenn man der üblichen Datierung folgt und annimmt, dass die in Lev vorliegenden Gesetzesbestimmungen über homosexuelles Verhalten erst nach den in der Aufstiegsgeschichte Davids überlieferten
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Ereignissen ihre jetzige literarische Form gefunden haben, lässt sich keineswegs ausschliessen, dass die in Lev 18 und 20 enthaltenen Bestimmungen der Sache nach nicht schon vorher in Geltung standen
57. Dass eine solche Vermutung tatsächlich naheliegt, ist aus den folgenden beiden Beobachtungen zu schliessen: Zum einen fehlt ausserhalb der David-Jonathan-Geschichten jeder positive Hinweis darauf, dass in der Geschichte der Jhwh-Religion je eine andere, zustimmende Einstellung gegenüber homosexuellem Verhalten vorhanden war. Auch wenn man dem Gedanken, dass die Aufnahme des Verbotes homosexueller Handlungen in Lev als Hinweis darauf gedeutet werden könnte, dass solche Handlungen tatsächlich vorkamen 58, zustimmt, folgt daraus noch nicht, dass solche Handlungen je in Übereinstimmung mit der offiziellen Jhwh-Religion gestanden wären. Viel wahrscheinlicher ist, dass die das Sexualverhalten grundsätzlich regelnden Vorschriften nicht nur zum frühen Grundbestand der Jhwh-Religion, sondern - wenn man die Herausbildung der Jhwh-Religion erst in einer späteren Phase der Geschichte derjenigen Grösse ansetzt, die später als "Israel" bezeichnet wurde - auch in eine frühe Phase der Geschichte des späteren "Israel" gehört 59. Zum anderen wird die Akzeptanz einer eintägigen Abwesenheit, wie sie im Verhalten Sauls gegenüber David in 1 Sam 20,26 zum Ausdruck kommt, mit dem Hinweis auf eine mögliche eintägige Unreinheit Davids begründet. Diese Begründung verweist aber unmittelbar auf die Reinheitsbestimmungen in Lev 7,20f. und 15,16-18 als wahrscheinlichsten Verstehenshintergrund 60. Damit liegt aber ein positiver Hinweis dafür vor, dass die Gesetzesbestimmungen des Heiligkeitsgesetzes wenigstens zum Teil - wenn auch nicht in der kodifizierten Formulierung, so doch der Sache nach - zur Zeit Davids oder zur Zeit der Abfassung oder Redaktion der Aufstiegsgeschichte Davids bekannt gewesen sein müssen.
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b) Sowohl von David als auch von Jonathan wird im literarischen Kontext der Aufstiegsgeschichte Davids berichtet, dass sie heterosexuelle Beziehungen hatten. Im Blick auf David soll hier der Hinweis auf die Beziehungen zu Michal (1 Sam 18,27 u.a.) und Abigail (1 Sam 25,42) genügen. Von Jonathans heterosexuellen Beziehungen erfährt der Leser zum einen indirekt durch die Erwähnung eines Sohnes Jonathans in 2 Sam 9 (Meribaal), zum anderen aber auch direkt aus dem Munde Jonathans selber, indem dieser in 1 Sam 20,42 von "meinen Nachkommen" spricht. Diese biographischen Umstände lassen die Vermutung, dass Jonathan und allenfalls auch David homosexuell waren und es sich bei der Beziehung zwischen Jonathan und David um eine homosexuelle Beziehung gehandelt hat, als wenig wahrscheinlich erscheinen. Allerdings ist zuzugeben, dass aufgrund der heterosexuellen Beziehungen allein nicht zwingend auf das Nicht-Vorhandensein einer von der heterosexuellen Norm abweichenden "sexuellen Orientierung" geschlossen werden kann.
c) Dass David in breiten Schichten des Alten Testaments als idealtypischer Herrscher und als Angelpunkt der in eine nähere oder fernere Zukunft reichenden Messiaserwartung verstanden und dass er im Neuen Testament nicht nur als Vorfahre Jesu, sondern auch als beispielhafter Gottesmann und als Vor-Bild des gekommenen Messias aufgefasst wird
61, wäre kaum möglich, wenn der Verdacht an ihm haftete, mit Jonathan eine homosexuelle Beziehung gepflegt zu haben. Denn die Ablehnung solcher Beziehungen in späteren Schichten des Alten Testaments und im nachbiblischen Judentum ebenso wie im Neuen Testament ist einhellig 62. Die offene Darstellung
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des Ehebruchs Davids mit Batseba in 2 Sam 11 kann nicht als Gegenargument angefügt werden, da ein unzweifelhaftes Eingeständnis der Schuld von seiten Davids auf den Ehebruch mit Batseba folgt (2 Sam 12,13), was in bezug auf die Beziehung mit Jonathan nicht der Fall ist
63.d) Was die Beziehungen der David-Jonathan-Geschichten zum Hohenlied betrifft, ist folgendes zu bemerken: Parallelen in einzelnen Formulierungen sind zwar nicht in dem Ausmass vorhanden, wie von S. Schroer und T. Staubli angenommen wird; dennoch sind solche Parallelen keineswegs grundsätzlich von der Hand zu weisen. Die Erklärung, dass diese Parallelen darauf hinweisen, dass es beim Verhältnis Jonathans zu David um eine Art Liebesverhältnis geht, das in Analogie zu dem im Hohenlied beschriebenen Verhältnis die erotische Komponente mit einschliesst, geht aber am beobachtbaren Sachverhalt vorbei. Die Parallelen sind vielmehr zum einen sachlich bedingt: Enge, nicht-erotische Freundschaftsbeziehungen stehen von der Sache her zu intimen Liebesbeziehungen in einer gewissen Nähe, so dass hier ähnliche Sprachverwendungen nicht überraschen. Aufgrund solcher sprachlicher Bezugspunkte auf eine Gleichartigkeit der Beziehung zu schliessen, ist aber eine unzulässige Vergröberung, die der Differenziertheit der Lebenswirklichkeit nicht gerecht wird. Zum andern lassen die sprachlichen Berührungen zwischen den David-Jonathan-Geschichten und dem Hohenlied tatsächlich die Möglichkeit zu, dass mit direkter literarischer Abhängigkeit zu
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rechnen ist. Nach allem, was über die zeitliche Ansetzung der beiden Textkorpora vermutet werden kann, führt die Linie der Abhängigkeit aber nicht wie von S. Schroer und T. Staubli angenommen vom Hohenlied zu den David-Jonathan-Geschichten, sondern in die umgekehrte Richtung. Die sprachlichen Berührungen wären demnach so zu erklären, dass der (oder die) Verfasser des Hohenliedes diejenige Geschichte aus der religiösen Überlieferung Israels, die am ausführlichsten ein inniges Freundschaftsverhältnis beschreibt, an einigen Punkten als literarische Vorlage verwendet hat (bzw. haben).
V. Schlussfolgerungen
Aus den oben angeführten Beobachtungen ergibt sich, dass ein Verständnis der Beziehung zwischen David und Jonathan als einer homosexuellen Beziehung von der textlichen Basis nicht gedeckt wird. Weder lassen sich aus dem Text der Aufstiegsgeschichte Davids eindeutige Hinweise auf einen sexuellen Charakter der Beziehung erheben, noch sind die Beziehungen zum Hohenlied so eng, dass aufgrund der Parallelen zwischen den beiden Büchern auf einen solchen Charakter indirekt geschlossen werden könnte; zudem fehlen die Termini, die an anderen Stellen des Alten Testaments verwendet werden, an denen eindeutig auf homosexuelle Beziehungen referiert wird, völlig. Eine zentrale Stellung kommt dagegen den theologischen und insbesondere den politischen Ebenen der Beziehung zwischen David und Jonathan zu, wie die Bezüge zum literarischen Umfeld der Samuel- und Königebücher und zu Vertragstexten aus der Umwelt Israels gezeigt haben. Dass daneben die Beziehung auch einen starken emotionalen Aspekt aufweist, ist nicht von der Hand zu weisen.
Vieles kommt bei der Deutung der David-Jonathan-Geschichten darauf an, den Blick für die Feinheiten zu wahren und zu schärfen und nicht aufgrund aktueller, polarisierender Interessenlagen zu Vergröberungen zu greifen, die dem Text nicht mehr gerecht werden. Insbesondere geht es darum, den Unterschied zwischen nicht-sexuellen und sexuellen freundschaftlichen Beziehungen im Auge zu behalten. Auffällig bleibt jedenfalls, dass gerade in einer Zeit, in der sowohl auf gesamtgesellschaftlicher als auch auf kirchlicher Ebene der Einfluss der Homosexuellen-Bewegung zunimmt, auch die Exegese der David-Jonathan-Geschichten einer grundsätzlichen
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Revision unterzogen wird, die in eine Richtung führt, die der Unterstützung dieses Einflusses förderlich ist
64.
| Mohrhaldenstr. 164 CH 4125 Riehen Svizzera |
Markus Zehnder
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SUMMARY
This article presents a compelling discussion of the texts which S. Schroer and T. Staubli claim to show a homosexual relationship between David and Jonathan. Through the study of vocabulary and narrative the author points out weaknesses in their argumentation and shows that theirs is not the only, or the most plausible, interpretation.
Notes
1 Bibel und Kirche 51 (1996) 15-22.
2 Neben T. Horner deutet auch D.M. GUNN, The Fate of King Saul (JSOTSS 14; Sheffield 1980) 93 die Beziehung zwischen Jonathan und David als ein allerdings einseitiges homosexuelles Verhältnis.
3 Bei den nachfolgend angeführten Beobachtungen geht es allein um die literarische Ebene der David-Jonathan-Geschichten, nicht um die Frage, inwieweit die in ihnen geschilderten Ereignisse historische Realität spiegeln.
4 22 Belege sind dieser Gruppe zuzuordnen. Dabei beschreibt
hbh) gleich häufig die Haltung Jhwhs zum Volk wie diejenige des Volkes zu Jhwh.5 Gen 29,20; 2 Sam 13,15; Spr 5,19.
6 Vgl. dazu die Bemerkung H.J. STOEBES, Das erste Buch Samuelis (KAT; Gütersloh 1973) zu 1 Sam 18,1-4, wonach mit der Wurzel
bh) hier mehr gemeint sei als eine blosse Freundschaft, nämlich "die durch den Segen Jahwes gewirkte persönliche Anziehungskraft Davids".7 Der Zusammenhang zwischen
hbh) und Bund bzw. Bundessatzungen wird insbesondere im Dtn greifbar.8 Vgl. A.A. ANDERSON, 2 Samuel (WBC; Dallas 1989) und H.J. STOEBE, Das zweite Buch Samuelis (KAT; Gütersloh 1994). Dass der Vers als "Lobpreis" der gleichgeschlechtlichen Liebe verstanden werden konnte, wird von H.J. Stoebe ausdrücklich zurückgewiesen. Ebenso bemerkt F. STOLZ, Das erste und zweite Buch Samuel (ZBK; Zürich 1981) zur Stelle, dass der Text "nicht im Sinne von Homosexualität verstanden werden" darf; sondern es gehe "um die Zuneigung von Freunden, die das erste Mannesalter miteinander erlebt haben".
9 So Anderson, 2 Samuel, zur Stelle.
10 Allenfalls wären auch Stellen wie Jes 57,8 und Ez 16,37 dieser Gruppe zuzuordnen, bei denen auf die Fremdgötterverehrung mittels der Metapher sexueller Beziehungen Bezug genommen wird.
11 Es handelt sich dabei um folgende Stellen: Gen 24,67; 29,18.30.32; 34,3; Dtn 21,15 (zweimal).16; Ri 14,16; 16,4.15; 1 Sam 1,5; 18,20.28; 2 Sam 13,1.4.15; 1 Kön 11,1; Hos 3,1 (zweimal); Koh 9,9; Est 2,17; 2 Chr 11,21. Hinzu kommen sieben Belege im Hohenlied.
12 Ein Hinweis auf Rut 4,15 kann an diesem Befund nichts ändern, da die Postulierung einer homoerotischen Beziehung zwischen Ruth und Noëmi, wie sie gelegentlich vorgenommen wird, sich auf keineswegs eindeutigere exegetische Beobachtungen stützen kann, als dies im Fall des Verhältnisses zwischen David und Jonathan der Fall ist.
13 Vgl. zu dieser Deutung die Bemerkungen unter III.
14 Vgl. zu dieser Deutung den Einwand H.J. Stoebes unter III.
15 Genauere Hinweise folgen unten.
16 Vgl. zur Verwendung der Wurzel
bh) in 1 Kön 15,5 J.A. THOMPSON, "The Significance of the Verb Love in the David-Jonathan Narratives in 1 Samuel ", VT 24 (1974) 334,338. J.A. Thompson weist mit Berufung auf W.L. Moran darauf hin, dass die politische Konnotation der Wurzel bh) in altorientalischen Texten, insbesondere im Akkadischen, breit belegt ist ("The Significance of the Verb Love" 334,338).17 "You shall love Assurbanipal, the great crown prince designate, son of Esarhaddon, king of Assyria, your lord, like yourselves" (S. PARPOLA - K. WATANABE, Neo-Assyrian Treaties and Loyalty Oaths [State Archives of Assyria II; Helsinki, 1988] 6:266-268) Vom "Lieben" (ra` mu) ist im Zusammenhang mit assyrischen Vasallenverträgen wiederholt die Rede: Siehe S. PARPOLA K. WATANABE, Neo-Assyrian Treaties 6:207 (Asarhaddon); 9:32 (Assurbanipal).
18 Zur Art der mit
bh) bezeichneten Beziehung Jonathans zu David bemerkt J.C. EXUM, Tragedy and Biblical Narrative [Cambridge 1992] 73, zutreffend: "This 'love' is not eros but male bonding".19 Folgende Belege fallen in diese Kategorie: Gen 34,19; Dtn 21,14; Hld 2,7; 3,5; 8,4; Est 2,14. Allenfalls könnten in diesem Zusammenhang auch diejenigen Stellen genannt werden, in denen es um das Eingehen der Leviratsehe geht (Dtn 25,7.8; Rut 3,13).
20 Vorausgesetzt wird hier, dass auch dann, wenn mit heimlichen homosexuellen Beziehungen zu rechnen wäre, ein öffentlichese Bekenntnis zu einer solchen Beziehung im antiken Israel genauso wie im späteren Judentum nicht möglich war. Diese Voraussetzung erscheint dadurch gerechtfertigt, dass in der Antike bisher kein Zeugnis bekannt wäre, das als Beleg für ein Abweichen von dieser Regel gelten könnte.
21 Nicht ohne Bedeutung ist, dass die erwähnten Stellen (mit Ausnahme der auf Salomo bezogenen) in literarischen Schichten enthalten sind, die dem Beleg in 1 Sam 19,1 nahestehen.
22 David: 2 Sam 15,26; 22,20 (= Ps 18,20); Salomo: 1 Kön 10,9; 2 Chr 9,8.
23 Zum möglichen Zusammenhang zwischen dem Namen "David" und dem Appellativum "Liebling" vgl. J.J. STAMM, Beiträge zur hebräischen und altorientalischen Namenskunde (OBO 30; Freiburg Göttingen 1980) 25-43.
24 Verbindung mit
Klh : Gen 24,65; 27,5; 30,14; Num 22,23; Rut 2,8; wahrscheinlich ist, dass auch in Gen 4,8 der offensichtlich unvollständige Text des MT entsprechend der überwiegenden Mehrheit der alten Textzeugen mit hd#&h hkln ergänzt werden muss, was eine sehr enge Analogie der Formulierung zu 1 Sam 20,11 ergibt. Verbindung mit )cy: Gen 27,3; Dtn 14,22; 28,38; Ri 9,27.42; 1 Sam 20,35; 2 Sam 11,23; 14,6 (hier ist ausdrücklich davon die Rede, dass zwei Personen allein miteinander auf das Feld hinausgehen); 18,6; 1 Kön 2,26; 2 Kön 4,39; Jer 6,25; 14,18; Mi 4,10. In 1 Kön 11,29 liegt insofern eine Berührung mit 1 Sam 20,11 und Hld 7,12 vor, als hier vom Aufenthalt zweier Personen allein auf einem Feld die Rede ist, allerdings ohne Verbindung mit )cy oder Klh. 25 Hld 1,2 und 8,1. 26 Der Beleg in Gen 41,40 muss ausser Betracht bleiben. 27 Neben den beiden Belegen im Hohenlied handelt es sich um den Beleg in Spr 7,13. 28 Die folgenden 15 Belege sind hier zu nennen: Gen 27,26.27 (IsaakJakob): 29,13 (LabanJakob); 31,28 und 32,1 (LabanEnkel und Töchter); 33,4 (EsauJakob); 45,15 (JosephBrüder); 48,10 (JakobSöhne Josephs); 50,1 (JosephJakob); Ex 4,17 (AaronMose); 18,7 (MoseJethro); 2 Sam 14,33 (DavidAbsalom); 1 Kön 19,20 (Elisa Eltern); Rut 1,9 (NoëmiSchwiegertöchter); 1,14 (NoëmiOrpa). 29 1 Sam 10,1 (SamuelSaul); 2 Sam 15,5 (Absalom"Bürger"); 19,40 (DavidBarsillai); 20,9 (JoabAmasa). 30 Die Verwendung des Verbs k#$n im Zusammenhang der David-Jonathan-Geschichte (1 Sam 20,41) folgt nach dem Bericht über die Heirat von David und Michal (1 Sam 18,27). 31 Die drei Belege innerhalb der David-Jonathan-Geschichten sind dabei nicht mitgezählt. 32 Zu dieser Gruppe gehören die folgenden acht Belege: 1 Sam 19,6 (Zusage Sauls der Schonung Davids); 24,22f.; 30,15; 2 Sam 19,24; 21,2; 1 Kön 1,51; 2,8. Hinzu kommt ein Beleg, der die Nicht-Schonung des Lebens eines politischen Kontrahenten "zusichert" (1 Kön 2,23). 33 Zu dieser Gruppe gehören die folgenden sechs Belege: 2 Sam 3,9 (Zusage Jhwhs der Thronübernahme Davids); 1 Kön 1,13.17.29f.; 2 Kön 11,4. 34 Vgl. J. Wozniak, "Drei verschiedene literarische Beschreibungen des Bundes zwischen Jonathan und David", BZ 27 (1983) 213-214. Zu den Schwüren in neuassyrischen Vertragsschliessungen siehe S. PARPOLA - K. WATANABE, Neo-Assyrian Treaties XXXVIIf. 35 In Hld 1,16 findet sich ein Beleg für das Adjektiv, in Hld 7,7 einer für das Verb. 36 Gen 44,30. 37 Vgl. zu r#$k auch die Bemerkungen bei P.R. ACKROYD, "The Verb Love- )a4he4b in the David-Jonathan Narratives - A Footnote", VT 25 (1975) 213f. Die politische Deutung wird z.B. auch von R.W. KLEIN, 1 Samuel (WBC; Waco 1983) übernommen. 38 Ohne dass im Falle von Gen 19 und Ri 19 behauptet werden soll, dass der geschlechtliche Aspekt den Fokus des Problems bezeichnet, das in den beiden Berichten geschildert wird. Zu Gen 19 vgl. die aufschlussreiche Studie von K. STONE, "Gender and Homosexuality in Judges 19: Subject-Honor, Object-Shame?", JSOT 67 (1995) 87-107. 39 Die moderne Fragestellung, ob auch dann, wenn festzustellen ist, dass das Verhältnis zwischen Jonathan und David nicht im engeren Sinn als homosexuell verstanden werden kann, doch mit einer gewissen homoerotisch-schwärmerischen Komponente in ihrer Beziehung zu rechnen ist, lässt sich aufgrund der Texte kaum beantworten. Es ist aber zu bedenken, dass grundsätzlich fraglich ist, ob das aus der modernen Psychologie stammende Modell einer solchen Art der Beziehung auf die Lebenswelt des antiken Israel überhaupt anwendbar ist. Zudem müssen solche entwicklungspsychologischen Phasen mit homoerotischen Zügen in Jugendfreundschaften vom Phänomen der Homosexualität im engeren Sinn deutlich unterschieden werden. Nähere Angaben bezüglich der Beschreibung homoerotischer Entwicklungsphasen in der Psychologie siehe bei H.-F. RICHTER, Geschlechtlichkeit, Ehe und Familie im Alten Testament und seiner Umwelt (BET 10; Frankfurt a.M. 1978) 62. Zur Schwierigkeit der inhaltlichen Bestimmung des Terminus "Homosexualität" vgl. die Hinweise bei M. STEWART VAN LEEUWEN, "To Ask a Better Question", Interp 51 (1997) 144-146. 40 Siehe 2 Sam 11. Würde man behaupten, dass ein allfälliges homosexuelles Verhalten Davids in der damaligen Zeit gar nicht auf einhellige Ablehnung gestossen sei, wäre die Hypothese einer bewussten Verschleierung noch weniger plausibel und das Fehlen eindeutiger Hinweise auf ein solches Verhalten noch weniger erklärbar. 41 Die textliche Überlieferung von 1 Sam 18,28 ist nicht klar; nach der Lesart des MT ist Michal Subjekt der Liebe zu David, nach derjenigen der LXX ist Israel Subjekt dieser Liebe. 42 Siehe Wozniak, "Drei verschiedene literarische Beschreibungen", 214. 43 Nach Wozniak, "Drei verschiedene literarische Beschreibungen", 216, scheint die Stellung Jonathans hier derjenigen von Vasallen in hethitischen und syrischen Bündnissen zu entsprechen (vgl. "Drei verschiedene literarische Beschreibungen", 213f.). 44 Vgl. Wozniak, "Drei verschiedene literarische Beschreibungen", 213-214.; zur Stellung der Götter als Zeugen in neuassyrischen Vertragstexten siehe Parpola Watanabe, Neo-Assyrian Treaties XXXVII. 45 Vgl. Wozniak, "Drei verschiedene literarische Beschreibungen", 217. 46 Vgl. Thompson, "The Significance of the Verb Love", 335. Anders H.W. Hertzberg, Die Samuelbücher (ATD; Göttingen 1956) zur Stelle. 47 Vgl. D. Jobling, The Sense of Biblical Narrative (JSOTSS 7; Sheffield 21986) 14. Dass der Übergang des Königtums von Saul an David überhaupt als theologisches Problem empfunden wurde, setzt voraus, dass das Königtum als erblich verstanden wurde. Der Ablauf der Ereignisse zeigt, dass diese Voraussetzung bei allen Beteiligten als gegeben angesehen werden muss (speziell zu erwähnen ist hier die Selbstverständlichkeit, mit der Saul-Sohn Ischbaal als Nachfolger Sauls auftrat und von den Nordstämmen anerkannt wurde). Dass neben der Vermittlung des Thronfolgerechts durch Jonathan die Ehe Davids mit Michal ein weiteres Element des Nachweises der Legitimität der Nachfolge Davids auf dem Thron Sauls darstellt, ist wahrscheinlich. 48 So z.B. R.W. KLEIN, 1 Samuel, zur Stelle; Exum, (Tragedy and Biblical Narrative, 74,76; Gunn, The Fate of King Saul, 80 und Jobling, The Sense, 20. Diese Deutung wird von Stoebe, Das erste Buch Samuelis, ohne nähere Begründung zurückgewiesen. 49 Treffend formuliert Jobling: "The relationship between Saul and Jonathan shows both role-identification between the two ... and replacement of Saul by Jonathan" (The Sense, 16). 50 Vgl. zum Ganzen Jobling, The Sense,19. 51 Vgl. R.W. Klein,1 Samuel, zur Stelle. 52 In seinem Kommentar zu 1 Sam 23 bestreitet Stoebe, dass diese Stelle dahingehend interpretiert werden darf, "dass Jonathan sich selbst als präsumptiven Nachfolger seines Vaters ansieht, aber auf seine Rechte verzichtet, um sich von vornherein mit einer zweiten Stelle zu begnügen". 53 Identifizierung Jonathans und Davids und Ersetzung Jonathans durch David lassen sich bereits in 1 Sam 17 feststellen: So, wie Jonathan in 1 Sam 14 militärtechnisch betrachtet aus einer hoffnungslos inferioren Position heraus einen Sieg gegen die Philister erringt, so gelingt es David in 1 Sam 17, aus einer analogen Position der Schwäche heraus den Philister Goliath zu überwinden; und wie der Sieg Jonathans in 1 Sam 14 theologisch begründet wird (V. 6: " Jhwh ist es ein leichtes, zu helfen, es sei durch viel oder durch wenig"), so wird auch der Sieg Davids in 1 Sam 17 in ähnlicher Weise auf Gottes Wirken zurückgeführt (V. 37: " Jhwh, der mich aus der Tatze des Löwen und des Bären errettet hat, wird mich auch aus der Hand dieses Philisters erretten"; V. 47: " Jhwh schafft nicht durch Schwert und Speer Sieg ..."). 54 Dabei ist es nicht einmal entscheidend, ob die Gesetzesbestimmungen von Lev 18 und 20 oder eine Vorform dieser Bestimmungen für die Zeit Davids oder des Erzählers der Aufstiegsgeschichte vorausgesetzt werden können; denn wenn der Bericht über Sodom und Gomorrha in Gen 19, in dem das Thema der homosexuellen Beziehungen ebenfalls auftaucht, J zuzuweisen ist und wenn J in die Zeit Salomos zu datieren ist, liegt ein in die Nähe der Zeit Davids reichender Beleg für die Ablehnung homosexuellen Verhaltens in der Jhwh -Religion ohnehin vor. Aber auch dann, wenn überhaupt keines der schriftlichen Zeugnisse über die Ablehnung homosexuellen Verhaltens dieser Zeit zugerechnet wird, lässt sich die Beobachtung nicht umgehen, dass ein Zeugnis für eine positive Bewertung homosexuellen Verhaltens bisher nicht vorliegt. 55 Von einem Bund, der vor Jhwh geschlossen wird, ist in 1 Sam 20,8 und 23,18 die Rede, von Jhwh als Zeuge des gegenseitig bindenden Schwurs in 1 Sam 20,23 und 42. 56 Wenn man nicht überhaupt bestreitet, dass die Bestimmungen in Lev 18,22 und 20,12 grundsätzlich gegen jede Art homosexuellen Verhaltens gerichtet sind, wie das etwa S. Schroer und T. Staubli tun ("Saul, David und Jonatan", 16f.; anders dagegen z.B. K. HOHEISEL, "Homosexualität", RAC 16 [1994] Sp. 328). Dass Lev 18,22 und 20,12 nicht gegen jede Art homosexuellen Verhaltens gerichtet sein sollten, konnte m.E. bisher nicht einsichtig gemacht werden; die Frage kann hier aber nicht weiter verfolgt werden. 57 K. HOHEISEL vermutet, dass die Verbote von Lev 18,22 und 20,13 bereits in der vorstaatlichen Sippenverfassung wurzeln ("Homosexualität" Sp. 332). 58 So Schroer - T. STAUBLI, "Saul, David und Jonatan", 15. 59 Siehe W.H. Schmidt, Die Zehn Gebote im Rahmen alttestamentlicher Ethik (EdF 281; Darmstadt 1993) 10.117. 60 Vgl. R.W. Klein,1 Samuel, zur Stelle. Das setzt aber nicht voraus, dass diese Bestimmungen schon in der jetzt greifbaren kodifizierten Form vorgelegen haben müssen. 61 Zum Davidbild des Alten Testaments (ausserhalb der Samuel- und Königebücher) siehe v.a. Jes 9,6; 16,5; 22,9.22; 55,3; Jer 13,13; 17,25; 22,2.4.30; 23,5; 29,16; 30,9; 33,15.17.21-22.26; 36,30; Ez 34,23-23.; 37,24-25.; Hos 3,5; Am 6,5; 9,11; Sach 12,8.10.12; 13,1; Esr 3,10; 8,20; Neh 3,15; 12,24.36-37.45-46; hinzu kommen die Erwähnungen Davids in den Chronikbüchern und in den Psalmen (73mal in Psalmüberschriften), sowie indirekte Bezugnahmen wie "Wurzelschoss Isais" in Jes 11. Zum Davidbild des Neuen Testaments siehe v.a. Mt 1,6.17.20; 9,27; 12,3.23; 15,22; 20,30f.; 21,9.15; 22,42f.45; Mk 2,25; 10,47-48; 11,10; 12,35-37; Lk 1,27; 2,4; 3,31; 6,3; 18,38-39; 20,41-42.44; Apg 1,16; 2,25.29.34; 4,25; Rom 1,3; 4,6; 11,9; 2 Tim 2,8; Offb 3,7; 5,5; 22,16. 62 Zu den späteren Schichten des Alten Testaments sind Lev 18,22 und 20,13 dann zu rechnen, wenn man den üblichen Datierungen des Heiligkeitsgesetzes folgt. Zur Haltung des nachbiblischen Judentums siehe z.B. San 55a; 73a; Suk 29a; Yev 55b. Zusammenfassende Hinweise und Literaturangaben finden sich bei Hoheisel, "Homosexualität" Sp. 333-337. In bezug auf das Neue Testament sind die folgenden Stellen zu nennen: Rom 1,26-27; 1 Kor 6,9; 1 Tim 1,10. Zur Interpretation dieser Stellen siehe z.B. K. HAACKER, "Exegetische Gesichtspunkte zum Thema Homosexualität", ThBeitr 25 (1994) 173-180. 63 Ein weiterer Punkt ist hier zu bedenken: Selbst dann, wenn die Beziehung zwischen Jonathan und David tatsächlich eine homosexuelle wäre, würde das über die Normativität dieser Beziehungsform noch nichts sagen. Wollte man aus einer einmaligen Episode des Alten Testaments, die vom Erzähler nicht unmittelbar kritisiert wird, eine generelle Erlaubnis für entsprechende Verhaltensweisen ableiten, die überzeitlich gilt, könnte man etwa mit Berufung auf 2 Sam 8,2 nicht nur die Rechtfertigung von Eroberungskriegen, sondern auch die Rechtfertigung der willkürlichen Tötung von zwei Dritteln der Bevölkerung des unterworfenen Landes ableiten. Dass diejenigen, die in David und Jonathan eine Rechtfertigung für homosexuelle Beziehungen sehen möchten, diese konsequente Schlussfolgerung zu ziehen bereit wären, ist nicht anzunehmen. 64 Dr. theol. Beat Weber-Lehnherr danke ich herzlich für die kritische Durchsicht des Manuskripts und hilfreiche Anmerkungen.