Böhler, D.

Biblica 79 (1998) 332-538

Jesus als Davidssohn bei Lukas und Micha

Sowohl Lukas als auch Matthäus fügen in ihr Evangelium einen Stammbaum Jesu ein, der Jesus als (gesetzlichen) Nachkommen Davids und Abrahams vorstellt 1. Wirklich parallel gehen die beiden Genealogien Lk 3,23-38 und Mt 1,1-17 jedoch nur in der Reihe der Namen zwischen Abraham und David. Sie folgen hier beide der Genesis und vor allem den Genealogien aus Rut 4,18-22 und 1 Chr 2,1-15. Der Stammbaum von Adam bis Abraham wird nur bei Lukas angeführt (3,33-38), ist aber ebenfalls vollständig dem AT, nämlich Gen 5 und 11,10-26 (LXX), entnommen. So kann man für beide Evangelisten sagen, daß sie bis David den atl. Genealogien folgen. Von Serubbabel bis Josef und Jesus war dies nicht möglich, da hier das AT keine Listen bietet. Daher gingen Lukas und Matthäus an dieser Stelle völlig eigene und deutlich voneinander verschiedene Wege. So braucht Lukas 21, Matthäus aber nur 14 Generationen, um von Serubbabel zu Jesus zu kommen. Da sie sich hier nicht am AT orientieren konnten, ist der Unterschied zwischen Mt und Lk an dieser Stelle verständlich. Auffällig ist nun aber, daß die beiden Stammbäume bereits nach David auseinandergehen. Matthäus bleibt dem Prinzip treu, das er auch sonst in der ganzen Liste verfolgt: Wo das AT eine Genealogie bietet, übernimmt er diese. Daher führt Matthäus zwischen David und Serubbabel die ganze Reihe der regierenden Könige Judas an, wie sie etwa in 1 Chr 3,5.10-19 2 stehen, Lukas dagegen, der bisher wie Matthäus alle Namen dem AT entnommen hat, sofern dieses Genealogien bot, geht zwischen David und Serubbabel von diesem Prinzip ab. Im Unterschied zu Matthäus vermeidet er die Liste der Könige Judas, um von David zu Serubbabel zu kommen. Stattdessen konstruiert er eine Verbindung über den ansonsten völlig unbedeutenden Davidssohn Natan, der in 2 Sam 5,14 und 1 Chr 14,4 unmittelbar vor Salomo erwähnt wird und nach 1 Chr 3,5 ein Sohn Batsebas, d. h. ein Vollbruder Salomos war. Nach Matthäus ist also Jesus ein Sohn Davids und ein Sohn Salomos. Nach Lukas dagegen ist er zwar ein Sohn Davids, aber kein Sohn Salomos. Dieser lukanische Sonderweg ist erklärungsbedürftig. Warum wählt Lukas nicht wie Matthäus den zu erwartenden Weg über die im AT vorhandene Liste der Nachkommen Davids und Salomos, sondern weicht aus auf eine davidische Seitenlinie, auf einen völlig unbedeutenden Davidssohn, von dem ihm das AT natürlich keine Nachkommenliste gibt?

        Solange man sich die beiden Stammbäume als historische Protokolle

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vorstellte, mußte man erklären, welche beiden Sachverhalte in Mt 1 und Lk 3 protokolliert waren und kam so etwa zur Vermutung, der eine habe den biologischen, der andere den (durch Leviratsehen abweichenden) legalen Stammbaum aufgezeichnet oder der eine habe Josefs, der andere Marias Genealogie überliefert. Seit man sich jedoch auch vorstellen kann, daß andere Kompositionsabsichten als die der Geschichtsdokumentierung eingeflossen sein könnten, muß man sich fragen: Was bestimmte Lukas dazu, zwar wie Matthäus Jesus auf David zurückzuführen, aber anders als jener den allein naheliegenden Weg über die judäischen Könige zu vermeiden?

        Die Lukaskommentatoren stellen gewöhnlich zwei Überlegungen an, um den Weg über Natan statt Salomo zu erklären. Häufig wird ganz allgemein vermutet, Lukas habe vielleicht die mehrheitlich götzendienerischen Könige seit Salomo aus Jesu Stammbaum ausschließen wollen 3. Dies bleibt jedoch eine bloße, wenn auch nicht unvernünftige Vermutung ohne jeden Beleg.

        Eine andere Erwägung geht dahin, Lukas habe vielleicht bereits die viel später erst belegte Identifikation des Davidssohnes Natan mit dem gleichnamigen Propheten gekannt und mit der Erwähnung des Prinzen-Propheten Natan ein prophetisches Element in den Stammbaum Jesu eintragen wollen 4. Diese Vermutung weist Fitzmyer völlig zu Recht als

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unplausibel zurück, da die Identifikation des Prinzen mit dem Propheten erst sehr viel später belegt ist und für Lukas noch nicht angenommen werden kann 5. Vor allem aber ist es völlig unwahrscheinlich, daß Lukas auf den angenommenen Prinzen-Propheten Natan zurückgriff und dabei einfach bloß in Kauf nahm, daß damit als unbeabsichtigter Nebeneffekt alle judäischen Könige nach David aus der Genealogie Jesu ausfielen. Erst der ungekrönte Schealtiel und sein (ebenfalls nie inthronisierter) Sohn Serubbabel werden von Lukas wieder zugelassen. Die Umgehung der Jerusalemer Könige ist als solche gewollt und nicht nur beiläufig in Kauf genommen. Die Absicht, ein prophetisches Element einzubringen, könnte, selbst wenn der Prinz Natan sich dafür eignen würde, nicht genügen, diese bewußte Vermeidung der Jerusalemer Könige zu erklären.

        Dasselbe ist zu der letzten bisweilen angestellten Überlegung zu sagen: Manche Kommentatoren 6 denken, Lukas habe Natan statt Salomo gewählt, weil ihm in Sach 12,12

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Natan als ein bedeutender Zweig des Hauses David vorgegeben gewesen sei:

10Doch über das Haus David und über die Einwohner Jerusalems werde ich den Geist des Mitleids und des Gebets ausgießen. Und sie werden auf den (MT: mich) blicken, den sie durchbohrt haben. Sie werden um ihn klagen, wie man um den einzigen Sohn klagt ... 12Das Land wird trauern, jede Sippe für sich: die Sippe des Hauses David für sich und ihre Frauen für sich; die Sippe des Hauses Natan für sich und ihre Frauen für sich; 13die Sippe des Hauses Levi für sich und ihre Frauen für sich; die Sippe y(m#$h für sich und ihre Frauen für sich. (Sach 12,10.12-13)

        Zunächst ist gar nicht so sicher, was hier mit "Haus Natan" gemeint ist. Wenn mit der Sippe y(m#$h die Familie des Levi-Enkels aus Num 3,21 gemeint ist (was wahrscheinlich ist) und wenn y(m#$h txp#$m trotz des fehlenden tyb mit

Ntn tyb txp#$m parallelisiert werden kann, dann ist Natan hier der Davidssohn. Manche Kommentatoren denken freilich bei den drei "Häusern" (tyb) in Sach 12,12-13 an das Königtum (David), Prophetentum (Natan) und Priestertum (Levi evtl. mit y(m#$) 7. Aber selbst wenn in Sach 12,12 Natan als ein besonders prominenter Sohn Davids vorgestellt würde, könnte diese Stelle höchstens erklären, warum Lukas ausgerechnet auf den Prinzen Natan zurückgreift, nachdem er einmal entschieden hatte, Salomo und die übrigen Jerusalemer Könige zu umgehen. Die Stelle erklärt nicht, warum Lukas bei seiner Rückführung Jesu auf David die Könige vermeiden wollte, deren Linie nicht nur spontan nahegelegen hätte, sondern auch (anders als die Natanlinie) im AT breit dokumentiert ist.

        Weder die in sich schon unwahrscheinliche Annahme, mit Natan solle das prophetische Element thematisiert werden, noch die Überlegung, Lukas habe Natan aus Sach 12,12 genommen, erklärt, was erklärungsbedürftig ist: Warum verläßt Lukas (oder der Autor der lukanischen Genealogie), der von Adam bis David treu den atl. Listen gefolgt war, diese nach David, obwohl das AT ihn über die regierenden Nachkommen Davids bis Serubbabel geführt hätte? Wie kommt Lukas dazu, anders als Matthäus die Davidssohnschaft Jesu unter Ausschluß der Könige von Salomo bis Jojakim zu dokumentieren? Woher hat Lukas den Gedanken, der Messias müsse zwar David, dürfe jedoch nicht der regierenden Dynastie entstammen?

        Ich schlage vor, den Grund für diesen ungewöhnlichen Gedanken in Mich 5,1 zu suchen. Im Unterschied zu Matthäus (2,6) zitiert Lukas zwar die Stelle nicht, aber dennoch ist sie grundlegend für seine "Messianologie". Die ganze Veranstaltung der Volkszählung zur Zeit des Kaisers Augustus (Lk 2) dient ja nur dazu, das nazarenische Paar Josef und Maria wenigstens für eine Zeit nach Betlehem zu bringen, damit Maria dort entbinden kann. Lukas baut seine Erzählung von der Geburt Jesu ganz wesentlich auf Mich 5,1 auf. Genau in Mich 5,1 aber findet sich auch der Gedanke, der künftige Herrscher aus Betlehem werde unter Umgehung der gescheiterten Dynastie aus der Davidsfamilie genommen werden:

Du aber Betlehem Efrata, klein unter den Tausendschaften Judas, aus dir wird mir (einer) hervorgehen, um Herrscher zu sein in Israel; und seine Herkunft (liegt) in früher Zeit, in längst vergangenen Tagen. (Mich 5,1)

        Schon die Anrede Betlehems statt Jerusalems will die Jerusalemer Dynastie ausschließen und vor diese auf die vordynastischen Anfänge zurückgreifen 8. Andererseits soll durchaus nicht irgendeine völlig neue,

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nichtdavidische Dynastie begründet werden. Die Nennung von Davids Heimatort Betlehem und seiner Herkunftssippe Efrata ist als Rückgriff auf David zu verstehen 9. Der künftige Herrscher wird Davidide sein. Das Wort wyt)cwm ist vom vorangehenden )cy her als die "Herkunft" des Herrschers (aus Bethlehem) zu verstehen. Diese wird datiert Mlw( ymym Mdqm, "in früher Zeit, in längst vergangenen Tagen". Mdq kann von vorgeschichtlicher Urzeit (Spr 8,22) über weit zurückliegende bis zu selbst erlebter Vergangenheit (Ijob 29,2) alles bezeichnen. Mlw( ymy allerdings bedeutet immer nur die innergeschichtliche Vergangenheit 10 : "längst vergangene Tage" (Jes 63,9.11; Am 9,11, Mich 7,14; Mal 3,4; Dtn 32,7). Das einzige Vorkommen von Mdqm im Michabuch selbst bestätigt diese Deutung. In Mich 7,14 ist konkret die Zeit der Patriarchen gemeint. In Mich 5,1 ist, wegen der Nennung Betlehems, die Zeit Davids angezielt. Die Herkunft des künftigen davidischen Herrschers liegt weit zurück, eben in der Davidszeit. Wenn das keine Banalität sein soll ("Die Davidszeit ist lange her"), dann besagt das, daß man für die davidische Herkunft des künftigen Herrschers bis in die Davidszeit, bis zu dem Bethlehemiter David selbst zurückgehen muß und nicht einfach an der 587 untergegangenen Jerusalemer Dynastie anknüpfen kann. Es ginge um einen echten Neuanfang aus David, aber unter Umgehung der gescheiterten und verbrauchten Dynastie, vor die zurückgegriffen wird 11.

        Daß genau dies der Sinn von Mich 5,1 im Endtext des Michabuchs ist, zeigt der Kontext 4,8–5,3. Der Abschnitt ist gerahmt von der zweifachen

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Zusage der Wiederherstellung der Monarchie in 4,8 ("ht)w Du aber, Migdal Eder") und 5,1 ("ht)w Du aber, Betlehem Efrata"). Diese neue Monarchie wird die konkrete Form der in 4,7 angesprochenen Gottesherrschaft sein. Mich 4,8–5,3 entfaltet in drei Schritten die These, der Zusammenbruch der alten Ordnung und die gegenwärtigen Schwierigkeiten seien nach Gottes längerfristiger Absicht Bedingung und Ausgangspunkt für eine positive Neuordnung 12 : Der Verlust des Landes und die Exilierung (4,9-10), die Feindschaft der Völker (4,11-13) und der Untergang der Monarchie (4,14–5,1) sind Bedingungen für einen Neuanfang.

        Nach Mich 4,9-10 muß die Tochter Zion zwar "jetzt" ins Exil nach Babel, wird jedoch dort durch den Herrn aus der Hand ihrer Feinde erlöst werden.

9Jetzt aber, warum schreist du so laut? Gibt es keinen König bei dir? Ist kein Berater mehr da, daß dich Wehen ergreifen, wie eine gebärende Frau? 10Winde dich, stöhne (MT: brich hervor), Tochter Zion, wie eine gebärende Frau! Denn jetzt mußt du hinaus aus der Stadt, auf freiem Feld mußt du wohnen. Du mußt fort bis nach Babel. Dort wirst du gerettet, dort wird dich der Herr loskaufen aus der Hand deiner Feinde. ( Mich 4,9-10)

        Das "jetzt" bevorstehende Exil ist zwar eine schmerzliche Erfahrung, wird aber in der Zukunft Israel eine völlig neue Freiheit bringen.

        Nach 4,11 sammeln sich "jetzt" die Völker in feindlicher Absicht gegen Zion, aber diese für Jerusalem bittere Erfahrung dient nach Gottes umfassenderem Plan (4,12-13) nur dazu, die Völker wie Garben auf der Tenne zu sammeln, um sie so umso besser dreschen zu können.

11Jetzt versammeln sich viele Völker gegen dich und sagen: Zion wird entweiht und unser Auge soll sich daran weiden. 12Aber sie kennen nicht die Gedanken des Herrn und verstehen nicht seine Absicht: daß er sie sammeln wollte wie Garben auf einer Tenne. 13Steh auf, um zu dreschen, Tochter Zion ... (Mich 4,11-13)

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        Mich 4,14 schließlich thematisiert die Belagerung Jerusalems und den schmählichen Untergang des Jerusalemer Königtums:

Jetzt ritze dich wund, Tochter der Horde 13! Belagerung setzte Er gegen uns. Mit einem Stock werden sie schlagen auf die Wange den Richter Israels. (Mich 4,14)

        Jerusalem, die Tochter Zion, wird aufgefordert, Trauerriten zu vollziehen, weil sie belagert ist. Die Belagerung wird zur Eroberung führen, ja sogar dazu, daß der König von Juda 14 in die Hand der Belagerer fällt 15. Das Szepter (+b#$) wird ihm genommen. Mich 4,14 prophezeit das schmachvolle Ende des judäischen Königtums, der herrschenden Dynastie. Wie im Vorangehenden schon die Exilierung (4,9-10) und die feindliche Völkerkoalition (4,11-13) als Zukunftschance für die Tochter Zion interpretiert wurden, so ist auch die für Jerusalem "jetzt" traurige Erfahrung des Untergangs der davidischen Dynastie in Gottes umfassenderem Plan ein positives Element. Mich 5,1 spricht aus, wozu Gott dieses Ende der alten Monarchie nutzen wird:

Du aber, Betlehem Efrata, klein unter den Tausendschaften Judas, aus dir wird mir (einer) hervorgehen, um Herrscher zu sein in Israel; und seine Herkunft (liegt) in früher Zeit, in längst vergangenen Tagen. (Mich 5,1)

        Die alte Dynastie tritt ab und macht einer Neugründung Platz, einer Neugründung aus David zwar, aber nicht in Anknüpfung an die abgewirtschaftete Dynastie von Jerusalem, sondern im Rückgriff auf die vordynastischen Anfänge, auf den Betlehemiter David selbst.

        Lukas hält nach Lk 1,32-33 an der Verheißung an David (2 Sam 7) fest. Zugleich leitet er Jesus aber nur von David selbst, nicht von der davidischen Dynastie her (Lk 3,23-31). Damit führt er genau die "Messiasidee" von Mich 5,1 aus, und wir haben in diesem Vers die Antwort auf unsere Eingangsfrage: Warum konstruiert Lukas Jesu Davidssohnschaft unter Ausschluß Salomos und der davidischen Dynastie über eine Seitenlinie? Weil nach Mich 5,1 der Messias zwar ein Davidide, aber kein Abkömmling der 587 abgewirtschafteten Dynastie sein soll. Daher vermied Lukas den Weg über Salomo und verband Jesus über eine unbedeutende Seitenlinie mit David.

 

Hochschule St. Georgen
D- Frankfurt

Dieter Böhler

 

SUMMARY

        This article argues that Luke traces Jesus to David through Nathan because he wanted to avoid relating Jesus to David through the sinful line of Salomon. Nathan, related to a pre-Jerusalem period of David, offers Luke the chance to link Jesus to David and he does this by using Mic 5,1 which mentions Bethlehem.

Notes:

1 Vgl. dazu die ausführliche Behandlung in M. D. JOHNSON, The Purpose of the Biblical Genealogies with Special Reference to the Setting of the Genealogies of Jesus (MSSNTS 8; Cambridge 21988; 11969) 139-252, und C. BURGER, Jesus als Davidssohn (FRLANT 98; Göttingen 1970) 91-102, 116-123.

2 Nach 2 Chr 3,17-19 MT ist Serubbabel eine Neffe Schealtiels, dagegen heißt es in LXX (1 Par 3,19): kai uioi Salaqihl: Zorobabel kai Semei. Als Sohn Schealtiels wie in Mt und Lk wird er in Esr 3,2.8; 5,2; Neh 12,1; Hag 1,1.12.14; 2,2.23 vorgestellt.

3 Nach H. J. HOLTZMANN, Synoptiker (HC I/1; Tübingen – Leipzig 31901) 39: "beruht die 2. Genealogie [Lk] auf der Ueberlegung, dass der Messias nicht wohl abgöttische Könige unter seinen Ahnen zählen dürfe"; W. SCHMITHALS, Das Evangelium nach Lukas (ZBK.NT 3.1; Zürich 1980) 56: "Soll damit der Vorstellung eines politischen Messias gewehrt werden? Eher galt dem Verfasser des lukanischen Stammbaums die Seitenlinie nicht als ähnlich sündig wie die königliche Linie". J. KREMER, Lukasevangelium (NEB.NT 3; Würzburg 1988) 50: "vielleicht wegen des Abfalls Salomos und seiner Nachkommen".

4 So v.a. JOHNSON, The Purpose of the Biblical Genealogies, 240-252. Johnson verweist auf eine einzige Tg-Handschrift, den Codex Reuchlinianus des Tg zu Sach 12,12, wo es heißt: dwd rb )yybn Ntn-tyb, auf ein Julius Africanus-Zitat bei Eusebius, Quaestiones Evangelicae ad Stephanum IV 1 (PG 22, 899), wo freilich nicht viel mehr steht, als daß David und seine Söhne auch Propheten waren: ei gar profhthj o Naqan, allomwj kai Solomwn o te toutwn pathr ekaterou: ek pollwn de fulwn egenonto profhtai. Ein dritter Zeuge ist Eusebius selbst, ebd. III 2 (PG 22, 895), der schreibt, daß alle Juden darin übereinstimmten, der Messias werde Nachkomme Davids sein, daß jedoch einige meinten, er werde von Salomo und dem genoj basilikon stammen, während andere im Blick auf Jer 22,24-26 und 36,30-31 einen Nachkommen Jojakims ausschließen und an die Seitenlinie über den Davidssohn Natan denken, oj hn tou Dabid paij, fasi de ton Naqan kai profhteusai kata ta en taij Basileiaij feromena. Lukas überlasse es Matthäus, den wahren Stammbaum Jesu aufzulisten und referiere mit dem Zusatz wj enomizeto ("wie man annahm", Lk 3,23) selbst diese irrige Auffassung einiger Juden (thn toutwn anistorwn docan ou thn autou). Eusebius geht bereits von der zu erklärenden Differenz zwischen Lk und Mt aus und findet eine Erklärung dafür. Vor Eusebius ist die Identifikation des Davidssohns mit dem Propheten Natan nicht belegt. P. G. MÜLLER, Lukas-Evangelium (SKK.NT 3; Stuttgart 1984): "Daß in V. 31 der Prophet Natan als Sohn Davids im Stammbaum erscheint, mag die lukanische Absicht, Jesu prophetische Berufung zu begründen, verdeutlichen". Müller verweist nicht darauf, daß das AT den Davidssohn Natan (2 Sam 5,14) streng vom Propheten (2 Sam 7; 12) unterscheidet. Vorsichtiger J. ERNST, Das Evangelium nach Lukas (RNT; Regensburg 1993) 122: "Die Gründe für eine solche Abweichung [Natan statt Salomo] sind nicht recht einsichtig. Soll Nathan (in Anlehnung an den gleichnamigen Propheten [2 Sam 7,1-3; 12,1]) vielleicht die prophetische Herkunft Jesu betonen? Oder klingt hier der Fluch über Jojakim, daß keiner seiner Nachkommen auf dem Thron des David sitzen werde (Jer 22,24-30; 36,30-31), nach?".

5 Vgl. J. FITZMYER, The Gospel according to Luke I–IX (AB 28; Garden City 1981) 497: "This intriguing interpretation would fit in with the Lucan portrait of Jesus as a prophet; but there is no evidence that such an identification existed in pre-Christian Judaism or in the pre-Lucan Christian community".

6 Z. B. FITZMYER, The Gospel according to Luke, 497.

7 Raschi kommentiert zu Sach 12,12: "Haus Natan: der Prophet. Einige aber sagen: der Sohn Davids wie es heißt in 2 Sam 5". C. STUHLMUELLER, Haggai & Zechariah (ITC; Grand Rapids 1988) 149: "The reference to ‘the house of David [and] the house of Nathan [and] the house of Levi [and] the family of the Shimeites’ is not totally clear ... According to two different interpretations the text is referring either to the family of two royal personages (David and his son Nathan, 1 Chr. 14:4) and to two priestly personages (Levi and his grandson Shimei, Num. 3:16-18; 1 Chr. 6:16-17), or to a representative of the four principal classes of biblical tradition: the royal (David, 1 Sam. 16:1-13), the prophetic (Nathan, 2 Sam. 7:2), the priestly (Levi, Deut. 33:8-11), and the sapiential (Shimei, 1 Kgs. 4:18, a difficult reference)". C. L. MEYERS – E. M. MEYERS, Zechariah 9–14 (AB 25C; New York 1993) 346-347, zählen einfach verschiedene Interpretationsmöglichkeiten auf; D. L. PETERSEN, Zechariah 9–14 & Malachi (OTL; London 1995) 122-123 sieht in Sach 12,12-13 zwei Könige und zwei Priester.

8 H. W. WOLFF, Micha (BK XIV/4; Neukirchen 1982) 116: "Der Blick des Propheten wendet sich von Jerusalem ab und dem 9 km südlich von ihm gelegenen Landstädtchen zu. Das Ende der bisherigen davidischen Dynastie von Jerusalem wird vorausgesetzt (4,14; vgl. Jer 22,30). Es ist als werde die Anschauung von Jes 11,1 aufgegriffen und weitergeführt: der Baum ist gefällt, aber aus dem Wurzelstumpf (Isai, Davids Vater) sprießt ein neuer Trieb". Wenn Wolff im weiteren von einer "indirekten Revision der Natanverheißung" durch Mich 5,1 spricht, geht er zu weit. Mich 5,1 verwirft zwar die Jerusalemer Dynastie, hält aber gerade an David und damit an der Natanverheißung fest. J. L. MAYS, Micah (OTL; London 1976) 115: "The purpose of the double name, Bethlehem Ephrata, seems clear. Both are associated with the origin of David before he became king in Hebron and Jerusalem". A. DEISSLER, Zwölf Propheten II (NEB 8; Würzburg 21986): "Auf die unscheinbaren Anfänge der Daviddynastie will [Vers] 1 hinweisen und dartun, daß die Natanszusage (2 Sam 7) von Jahwe eingehalten wird, allerdings durch einen Rückgriff auf den ‘Baumstumpf Isais’, wie Jes 11,1 den Neubeginn bildhaft nennt (zugleich mit Tadel der bisherigen Davididen)".

9 Man könnte in Mich 5,1 theoretisch wie in Jes 11,1 auch an einen Rückgriff vor David (auf Isai) denken, aber dafür spricht im Michatext nichts. Eine Reihe von Autoren, wie WOLFF, Micha, 116, B. RENAUD, La Formation du Livre de Michée (Paris 1977) 241, meinen, Mich 5,1 wolle mit "Betlehem Efrata" nicht einen Herrscher aus David ankündigen, sondern die Erwählung eines Herrschers "nach Analogie der Erwählung Davids". Mich 5,1 legt von sich her nicht nahe, daß die Natanverheißung aufgegeben wäre. Ganz sicher aber hat Lukas Mich 5,1 nicht als Revision der Natanverheißung gelesen, an deren Erfüllung er in 1,32f ausdrücklich festhält. Lukas muß an einen Herrscher "aus David" nicht "wie David" denken.

10 L. C. ALLEN, The Books of Joel, Obadiah, Jonah and Micah (NIC; London 1976) 343.

11 WOLFF, Micha, 117: "Die Heilsgeschichte Israels soll aufs neue beginnen. Wenn sie auch nicht die geradlinige Fortsetzung der Jerusalemer Königsgeschichte sein wird, so wird sie doch deren ‘uralten Ursprüngen’ entsprechen. der Abstraktplural tw)cwm ... weist auf die ‘Herkunft’ und nimmt die Wurzel )cy ‘hervorgehen’ aus aß und das doppelte Nm (‘aus der Vorzeit, aus uralten Tagen’) das vorangehende Kmm noch einmal auf, um die Identität des Urbeginns (ähnlich wie mit Isai in Jes 11,1) in Betlehem hervorzukehren. Letztlich ist mit dem Hinweis auf die ursprüngliche Herkunft die Selbigkeit des verheißenden Gottes betont und seine Treue zu den ursprünglichen Verheißungen trotz aller menschlichen Untreue und geschichtlichen Umbrüche. Die Ausdrücke Mdqm ‘seit alters’ und Mlw( ymym ‘seit uralten Tagen’ finden sich im Blick auf die Tage Davids in Neh 12,46 und Am 9,11". Die Frage, warum Lukas mit Natan einen der in Jerusalem geborenen Söhne Davids wählt (1 Sam 5,13-16; 1 Chr 3,5-9) und nicht einen der in Hebron geborenen (1 Sam 3,2-5; 1 Chr 3,1-4), findet, wenn Lukas nicht einfach nur den nächstbesten unmittelbar neben Salomo erwähnten Davidssohn als Haupt der von ihm angestrebten Seitenlinie gewählt hat, wohl darin ihre Antwort, daß David in 1 Sam 5,13-16 noch nicht König von ganz Israel und Juda ist.

12 DEISSLER, Zwölf Propheten II, 185-186; ALLEN, The Books of Joel…, 332, 339-340.

13 dwdg tyb yddgtt ist zwar ein Wortspiel von der Art, wie sie in Mich 1,8-16 z. B. dauernd vorkommen, aber dwdg heißt hier, wie sonst im AT auch, "Horde", "Bande", "Rotte" und bezeichnet an dieser Stelle wohl wie in 2 Kön 24,2 die fremden Belagerungstruppen. Angesprochen ist, wie schon in 4,9 und 4,11 die Tochter Zion, diesmal als belagerte. Vgl. W. RUDOLPH, Micha, Nahum, Habakuk, Zephanja (KAT XIII/3; Gütersloh 1975) 94. ALLEN The Books of Joel…, 341: "The scene is concisely set by the new title Lady under attack in place of Lady Zion".

14 +p#$ "Richter" ist wohl gewählt, um ein Spiel mit +b#$, "Stock", "Szepter" zu erzeugen.

15 C. F. KEIL, Die zwölf Kleinen Propheten (Biblischer Commentar über das Alte Testament III,4; Leipzig 31888) 346: "Die Belagerung führt zur Eroberung; denn nur infolge dieser kann der Richter Israels mit dem Stocke auf die Backe geschlagen d. h. schimpflich mißhandelt werden". WOLFF, Micha, 115, bezieht Mich 4,14 auf die Gefangennahme Zidkijas und den Untergang der Monarchie 587.