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Liudger Sabottka, «Ps 2,12: 'Küsst den Sohn!'?», Vol. 87 (2006) 96-97
The long-standing difficulty in Ps 2,12 rba-w%q#$%;na is tentatively resolved by deriving w%q#$%;na from q#$n II – 'to be armed', and interpreting the verbal form according to Gesenius’ Hebrew Grammar, § 52h, as 'privative Piel': 'to be/get disarmed', whereas rba@ takes its normal meaning 'pure, sincere'.

Ps 2,12: “Küsst den Sohn!”?
Die weithin als wörtlich angesehene Wiedergabe von rb'AWqV]n" mit “Küsst den
Sohn!” ist weder notwendigerweise wörtlich, noch gibt sie — wie die meisten
zugeben werden — im Zusammenhang des Psalms einen Sinn.
Die hebräischen Lexika (1) haben nun unter qvn zwei Eintragungen: 1.
“küssen”, 2. “sich rüsten, sich wappnen” oder ähnlich. Mit dieser zweiten
Bedeutung haben es seinerzeit bereits M. Buber und F. Rosenzweig (2)
versucht: “Rüstet euch mit Läutrung”, was allerdings auch nicht befriedigt.
W. Gesenius und E. Kautzsch behandeln in ihrer Grammatik, § 52h, ein
sprachliches Phänomen, das sie privatives (3) Piel nennen und führen dafür
bereits mehr als ein halbes Dutzend Beispiele an (4). Das Bekannteste: afj –
“sündigen” bekommt im Piel, etwa in Ps 51,9 und öfter, die Bedeutung
“entsündigen”. Auf unseren Text angewandt führt eine solche sprachliche
Möglichkeit zu der Übersetzung von qvn Piel: “abrüsten, die Waffen
niederlegen”, was dem Zusammenhang — man vergleiche die Verse 1 bis 3
und 10 bis 12 — gut entspricht.
Bleibt noch das kleine Wort rB'. Auch hier haben Buber–Rosenzweig mit
ihrer Übersetzung “Rüstet euch mit Läutrung” bereits den Weg gewiesen. rB'
hat — so mein Vorschlag — die im Hebräischen ganz geläufige Bedeutung:
“lauter, rein”, hier etwa “ehrlich”; ein Stichwort, das bis heute beim Thema
“Abrüstung” von Bedeutung ist. rB' wäre dann hier adverbial gebraucht (5).
rbAWqVn" kann also “wörtlich” meinen: “Rüstet ehrlich ab!” Zumindest ist
' ]
das eine zu erwägende Alternative. Erstaunlich, dass sie bisher — soweit ich
sehen kann — noch nicht bedacht worden ist. Dass die Lösung einer so alten
crux interpretum — die den überlieferten Text in keiner Weise verändern
muss — möglicherweise so einfach ist, sollte nicht gegen ihre Richtigkeit
sprechen. Doch, wie immer bei einer neuen Übersetzung: sie ist gewöh-
nungsbedĂĽrftig.
Benediktinerabtei Gerleve Liudger SABOTTKA
D-48727 Billerbeck
(1) Vgl. W. GESENIUS, Hebräisches und aramäisches Handwörterbuch über das Alte
Testament (Leipzig 171921) 527b, 528a; BDB, 676; HALAT, 690. — Ein Blick auf das
ugaritische ntq zeigt, dass es sich hier wahrscheinlich um zwei ursprĂĽnglich verschiedene
Wortstämme handelt; vgl. J. AISTLEITNER, Wörterbuch der ugaritischen Sprache (Berlin
1965) Nr. 1876; C.H. GORDON, Ugaritic Textbook (AnOr 38; Roma 1965) Nr.1721; G. DEL
OLMO LETE – J. SANMARTIN, A Dictionary of the Ugaritic Language in the Alphabetic
Tradition (Leiden – Boston 2004) 654.
(2) Die Schrift verdeutscht von M. Buber gemeinsam mit F. Rosenzweig: Das Buch
der Preisungen (Köln – Olten 1962) 10; dieselbe Übersetzung schon bei L. Zunz (1794-
1866; µylht rps Die Psalmen [Tel-Aviv 1971] 3).
(3) Privativ meint das inhaltliche Entfernen oder Wegnehmen dessen, was im
Grundwort ausgesprochen ist.
(4) M. DAHOOD, Psalms III (AB 17A) 390, hat einige weitere hinzugefĂĽgt.
(5) Vgl. Hieronymus, Iuxta Hebraeos : „adorate pure” (BHK); dieser Hinweis fehlt
leider in BHS.


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